Klingelhöffers Meisterstück: Die Rote Kaserne zu Potsdam

Für Robert Klingelhöffer hatte das Jahr 1891 nicht besser beginnen können. Dem jungen Bauinspektor war endlich der langersehnte Karrieresprung auf eine echte Planstelle geglückt, der perspektivlose „Hülfsarbeiter“-Job (Beamtenanwärter-Dienst) in der Berliner Intendantur des Gardecorps lag nun hinter ihm. Am 1. Januar 1891 trat Klingelhöffer seinen Dienst als 2. Local-Baubeamter der königlichen Garnisonsbauverwaltung in Potsdam an.

Dort sollte er sich gleich beweisen können. Klingelhöffer erhielt den Auftrag zur Planung der bis dahin größten und modernsten Kaserne der Stadt. In der Anlage sollte das 2. Garde-Feldartillerie-Regiment stationiert werden. Die Zeit drängte, denn die Einheit musste ihren bisherigen Stützpunkt am Berliner Kupfergraben bald aufgeben. Erste Truppenteile wie die reitende Abteilung des Regiments waren bereits 1890 provisorisch nach Potsdam verlegt worden.

Stadtplan von Potsdam um 1900 - Der rote Kreis markiert die Lage der „Roten Kaserne“. in Nedlitz. Quelle: Wikipedia

Stadtplan von Potsdam um 1900 – Der rote Kreis markiert die Lage der „Roten Kaserne“ in Nedlitz. Quelle: Wikipedia

Der Standort für die neue Kaserne nördlich des Potsdamer Stadtkerns zwischen Pfingstberg und Nedlitzer Holz war mit Bedacht gewählt. Das vorgesehene Grundstück grenzte im Westen direkt an den riesigen Exerzierplatz „Bornstedter Feld“. Über die Nedlitzer Straße war das Areal der künftigen Kaserne bestens erschlossen. Die Potsdamer Innenstadt, aber auch die Waffenschmieden in der damals noch selbstständigen Havelstadt Spandau waren über diese Straße schnell zu erreichen. Dagegen spielte die herrliche, teilweise vom berühmten preußischen Gartenkünstler Peter Joseph Lenné gestaltete landschaftliche Umgebung des neuen Stützpunkts bei der Standortwahl wohl nur eine untergeordnete Rolle.

Die schönste und modernste Kaserne ihrer Zeit

Klingelhöffers Grundkonzeption war in mancherlei Hinsicht sehr innovativ. Er setzte auf eine dezentrale Pavillonbauweise. Statt eines fast alles in sich vereinenden Hauptgebäudes verteilte er die unterschiedlichen Funktionen wie Wohnen, Verwalten, Lagern, Instandhalten etc. auf mehrere kleinere Bauwerke. Bis auf das Offizierscasino platzierte der Garnisonsbauinspektor in seinem Entwurf alle Gebäude östlich der Nedlitzer Landstraße. Vier größere Gebäude – die Mannschaftsquartiere – lagen dort traufständig zur Straße. Zwischen den Unterkünften standen – den Giebel zur Straße gerichtet – drei kleinere Häuser, die als Stabs- und Verwaltungsgebäude fungierten.

Die „Rote Kaserne“ um 1895: Links (westlich) der Nedlitzer Straße ist auf dieser historischen Ansichtskarte das reich verzierte Offizierscasino zu erkennen, rechts (östlich) des Weges liegen die Bauten der eigentlichen Kaserne. Abb.: Archiv Wohnmal.info

Die Rote Kaserne um 1895: Links (westlich) der Nedlitzer Straße ist auf dieser historischen Ansichtskarte das reich verzierte Offizierscasino zu erkennen, rechts (östlich) des Weges liegen die Bauten der eigentlichen Kaserne. Abb.: Archiv Wohnmal.info

Der Wasserturm, die Pferdeställe, Remisen für Wagen, Gespanne und Geschütze, die Montierungskammer (Zeughaus), Werkstätten, Krankenstation und die Bäckerei ordnete Klingelhöffer im rückwärtigen, von der Straße aus kaum einsehbaren Bereich des Geländes an. Es gab mehrere Reit- und Exerzierhallen, die größte davon sollte ganz im Norden des Areals entstehen. Eine niedrige Mauer mit aufgesetztem schmiedeeisernem Zaun diente als Abgrenzung der Kaserne zur Nedlitzer Straße hin. Drei Tore boten von dort Zugang ins Innere der Anlage. Das Haupttor war dabei genau in der Mitte der langgestreckten Anlage platziert. Durch das Haupttor führte auch die direkte Zufahrt zu Stabsgebäude und Zeughaus.

Rote Kaserne Nedlitz

Repräsentative Backsteine

Beim äußeren Erscheinungsbild folgte Klingelhöffer dem wilhelminischen Zeitgeist. Die Fassaden ließ er mit rot gebrannten Klinkern ganz im Stil der märkischen Backsteingotik verblenden, die Ende des 19. Jahrhunderts gerade bei öffentlichen Bauten mit einem gewissen Repräsentationsanspruch en vogue war. Dabei wurden neogotische Stilelemente wie Spitzbogenfenster, Zinnentürmchen und Staffel-(Schein-)Giebel mit dem für die Region so typischen Baumaterial kombiniert. Dank der leuchtenden Backsteinfronten war das neue Militärlager bald überall als „Rote Kaserne“ bekannt. Diese (inoffizielle) Bezeichnung trägt der Komplex noch heute.

Das Souvenir der Garde

Bereits 1893 konnten erste Teile der „Roten Kaserne“ übergeben worden, 1895 war die Anlage weitgehend fertiggestellt. Das aufsehenerregende Finale der Bauarbeiten bildete ein einzigartiger Umzug: in Einzelteile zerlegt, wurde eine monumentale Skulptur vom bisherigen Sitz des 2. Garde-Feldartillerie-Regiments in Berlins Mitte nach Potsdam verbracht. Die barocke Figurengruppe war nach Entwürfen des preußischen Oberbaudirektors Johann Boumann (1706 – 1776) im Jahr 1773 entstanden, jenem Jahr, an dem der Vorläufer der Einheit aufgestellt wurde. Davon wollte die Truppe sich nicht trennen. Sorgsam wieder zusammengesetzt und spektakulär auf der Westfassade des Zeughauses thronend wachte die riesige Plastik seitdem auch über den neuen Standort in der „Roten Kaserne“. Auch Klingelhöffer war zufrieden: Konzept und Architektur seiner „Roten Kaserne“ erhielten viel Lob und Anerkennung, er selbst wurde am 25. Mai 1895 auf Erlass Wilhelm II. zum „Baurath“ ernannt.

Die aus Ummendorfer Sandstein gefertigte Boumann-Skulptur steht auf einer barocktypischen Atiika. Sie zeigt einen berittenen Tambourmajor (der ursprünglich vorhandene Tambourstab fehlt) und einen Artilleristen, zwei Pferde und zwei Kanonen in dramatischer Aktion. In der Mitte ragt ein gekrönter Obelisk mit vergoldetem Monogramm Friedrichs des II. (FR = Fredericus Rex) sowie die Anschrift "anno 1773". Sie verweist auf das Gründungsjahr des "Potsdamer Artillierie-Commandos". Aus dieser Einheit ging später das 2. Garde-Feldartillerie-Regiment hervor. Foto: Sven Hoch

Die aus Ummendorfer Sandstein gefertigte Boumann-Skulptur steht auf einer barocktypischen Atiika. Sie zeigt einen berittenen Tambourmajor (der ursprünglich vorhandene Tambourstab fehlt) und einen Artilleristen, zwei Pferde und zwei Kanonen in dramatischer Aktion. In der Mitte ragt ein gekrönter Obelisk mit vergoldetem Monogramm Friedrichs des II. (FR = Fredericus Rex) sowie die Anschrift „anno 1773“. Sie verweist auf das Gründungsjahr des „Potsdamer Artillierie-Commandos“. Aus dieser Einheit ging das 2. Garde-Feldartillerie-Regiment hervor. Foto: Sven Hoch

Die ersten Jahre eines militärischen Jahrhunderts

Mit dem Einzug des 2. Garde-Feldartillerie-Regiments übernahmen die Militärs für gut ein Jahrhundert das Kommando in der „Roten Kaserne“ zu Potsdam. 1899 gliederte das Gardecorps die Reitende Abteilung aus dem 2. Garde-Feldartillerie-Regiments aus und fasste sie mit anderen Truppenteilen im neu aufgestellten 4. Garde-Feldartillerie-Regiment zusammen. Auch dieses Regiment hatte sein Hauptquartier in der Roten Kaserne. Bereits zur Jahrhundertwende waren bereits erste Erweiterungen von Wagenhallen und Werkstätten notwendig. Zeitgleich entstanden mehrere Gebäude mit Wohnungen für Offiziersfamilien. Diese Wohnhäuser wurden unter Klingelhöffers Rigide westlich der Nedlitzer Straße errichtet. Sie befanden sich somit sprichwörtlich vor den Toren des eigentlichen Kasernengeländes. Ihre Bauweise und Architektur orientierte sich jedoch an den ursprünglichen Kasernenbauten.

Vom 4. Garde-Feldartillerie-Regiment belegte Gebäude der „Roten Kaserne“ auf einer Ansichtskarte von 1900. Abb.: Archiv Wohnmal.info

Vom 4. Garde-Feldartillerie-Regiment belegte Gebäude der „Roten Kaserne“ auf einer Ansichtskarte von 1900. Abb.: Archiv Wohnmal.info

Reichswehr, Wehrmacht, Rote Armee

Die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieges (1918) bedeutete eine Zäsur. Beide Garderegimenter wurden aufgelöst. Die Reichswehr der jungen Weimarer Republik übernahm das gesamte Areal, allerdings gemäß den Bedingungen des Versailler Vertrages mit wesentlich geringerer Mannstärke. Im Nordteil der „Roten Kaserne“ kam eine 1920 neu gebildete Nachrichten-(Fernmelde-)Abteilung unter, im Südteil war das Artillerie-Regiment 23 stationiert.

Im Dritten Reich nahm die Truppenstärke dieser Einheiten vor allem ab 1935 deutlich zu. Die „Rote Kaserne“ wurde zweigeteilt: der nördliche Bereich des Areals wurde 1938 in „Delius-Kaserne“, der südliche Bereich traditionsbewusst in „Garde-Artillerie-Kaserne“ umbenannt.

Mannschaftsunterkunft in der von der Nachrichtenabteilung 43 belegten Delius-Kaserne (Nordteil der Roten Kaserne) um 1938. Abb.: Archiv Wohnmal.info

Mannschaftsunterkunft in der von der Nachrichtenabteilung 43 belegten Delius-Kaserne (Nordteil der „Roten Kaserne“) um 1938. Abb.: Archiv Wohnmal.info

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges gab es zunächst Bestrebungen, die „Rote Kaserne“ zivil zu nutzen. So plante die Potsdamer Stadtverwaltung noch 1947 im nördlichen Bereich ein Krankenhaus einzurichten und den südlichen Teil für Büro- und Wohnzwecke zu nutzen. Wenig später beschlagnahmte die Rote Armee das gesamte Gelände und machte solche Überlegungen obsolet.

Die Rote Armee war gekommen, um zu bleiben. Die Sowjets begannen mit der Löwenjagd: das Raubtier waren einst Emblem der preußischen Garderegimenter. An Fassaden, in Treppenhäusern und Sälen wurden Skulpturen und Bildnisse des Königs der Tiere abgeschlagen und wo immer möglich durch rote Sterne ersetzt. In den einstigen Stallungen standen nun Panzer, in der zu Sporthalle umfunktionierten Reithalle liefen ab und zu auch schnulzige sowjetische Streifen über eine provisorische Leinwand. Westlich der Nedlitzer Straße und damit außerhalb der ursprünglichen Kaserne ließen die Sowjets eine kleine Siedlung zur Unterbringung von Offiziersfamilien errichten. Insgesamt zehn fünfstöckige Wohnhäuser in Plattenbauweise wurden hier gebaut.

Der Plan Nr. 52

Erst mit den politischen Umwälzungen Anfang der 1990er Jahre öffnete sich der Vorhang für das jüngste Kapitel in der Geschichte der „Roten Kaserne“. 1994 zogen die letzten – nunmehr russischen – Soldaten ab. Potsdam wies das Bornstedter Feld zusammen mit den angrenzenden militärischen Liegenschaften – darunter die „Roten Kaserne“ an der Ostseite des Areals – als förmliches Entwicklungsgebiet aus. Unter dem Dach der Entwicklungsgesellschaft „Pro Potsdam“ sammelte man Ideen und suchte Investoren, um die alten Soldatenlager mit neuem, zivilem Leben zu füllen. Besonderes Augenmerk galt dabei von Beginn an dem Erhalt und der Nutzung von Klingelhöffers prächtigen Backsteinbauten.

Um die beabsichtigte Änderung von militärischer Nutzung hin zu Gewerbe und Wohnen zu ermöglichen, war für die „Rote Kaserne“ ein neuer Bebauungsplan aufzustellen. Die bauliche Einheit der Anlage sollte dabei unbedingt bewahrt bleiben. Alle wesentlichen Kasernenbauten – Mannschafts- und Wirtschaftsgebäude, Zeughaus, Werkstätten, Stallungen – wurden unter Denkmalschutz gestellt. Das stellte Investoren und Architekten vor große Herausforderungen. Schwierige Grundrisse, teils erhebliche Gebäudetiefen und die vom Denkmalschutz vorgeschriebene Erhaltung des äußeren Erscheinungsbildes erschwerten die Projektierung.

Manche Investoren zogen sich zurück, Vorhaben wie die Einrichtung einer Privatschule oder eines Handwerkerhofs zerschlugen sich. Neue Interessenten – insbesondere aus dem wohnwirtschaftlichen Bereich – stießen hinzu. Die Planung musste sich stets den sich ändernden Zielvorstellungen anpassen. Erst am 7. Juni 2006 konnte der Bebauungsplan Nr. 52 „Rote Kaserne Ost“ schließlich beschlossen werden. Festgeschriebenes Ziel ist die Entwicklung eines gemischten Quartiers für Wohnen und wohnverträgliches Gewerbe.

Das High-Tech-Quartier (2001)

Erste Schritte dazu waren bereits ohne gültigen B-Plan unternommen worden. Schon 2001 hatte die üppig mit öffentlichen Geldern geförderte PanMedium-Stiftung begonnen, einen an der Nedlitzer Straße liegenden Gebäudekomplex bestehend aus einem ehemaligen Mannschaftsquartier und einem Wirtschaftsgebäude zu sanieren und für eine moderne Büro-/Gewerbenutzung herrichten zu lassen. In den Häusern wollte die Stiftung ein Technologiezentrum betreiben. Der damalige Potsdamer Oberbürgermeister Platzek bejubelte das Projekt als „Goldstaub für Potsdam als Technologiestandort“. Der aber erwies sich als ausgesprochen flüchtig. PanMedium ging 2005 in die Insolvenz. Die sanierten Gebäude wurden zwangsversteigert, mittlerweile sind hier neben dem Bundesamt für Immobilien Architekturbüros und IT-Dienstleister ansässig.

Drei Treppengiebel geben der Westfassade des einstigen Mannschaftsquartie der „Roten Kaserne“, das zum Technologiezentrum wurde, eine markante Struktur. Foto: Sven Hoch

Drei Treppengiebel geben der Westfassade des einstigen Mannschaftsquartie der „Roten Kaserne“, das zum Technologiezentrum wurde, eine markante Struktur. Foto: Sven Hoch

Offiziershaus, Kaiserbäckerei und Palmenschloss (2007 – 2008)

In der Folge lag der Fokus auf Wohnungsbauprojekten. In dem ehemaligen Stabsgebäude an der Hauptzufahrt entstand ein Dutzend Apartments (Fertigstellung 2007). Zeitgleich verwandelte sich im Schatten des imposanten Zeughauses die einstige Regimentsbäckerei in vier Reihenhäuser (2007).

Wesentlich aufwändiger war die Sanierung und Umnutzung des Zeughauses selbst. Da war zum Beispiel die barocke Boumann-Skulptur zu restaurieren, die die Westfassade des Gebäudes krönte. Witterung und allerhand sonstige Umwelteinflüsse hatten der aus Sandstein gefertigten Figurengruppe arg zugesetzt.

Mit der pompösen Sandstein-Skulptur auf dem Dach wirkt das ehemalige Zeughaus wie ein Schloss. Aufnahme von 2014. Foto: Sven Hoch

Mit der pompösen Sandstein-Skulptur auf dem Dach wirkt das ehemalige Zeughaus wie ein Schloss. Aufnahme von 2014. Foto: Sven Hoch

Echtes Kopfzerbrechen bereitete den Planern aber die immense Gebäudetiefe. Es galt, ausreichend Luft und Licht für die vorgesehene Wohnnutzung in das Innere des mächtigen Baus zu bekommen. Die Planer fanden eine spektakuläre Lösung. Sie schnitten ein Loch ins Dach und schufen auf diese Weise Platz für ein zentrales Atrium, vom dem aus sich über geschwungene Galerien alle Stockwerke und Wohnungen erreichen lassen. Überdacht wird der Innenhof von einer Konstruktion aus transparenter Spezialfolie. Die Belüftung erfolgt automatisiert.

In dem außergewöhnlichen Patio herrscht ganzjährig ein angenehmes Mikroklima. Sogar Palmen fühlen sich hier wohl. Gleich mehrere dieser exotischen Gewächse wachsen und gedeihen hier. Die eindrucksvollen Pflanzen sorgen nicht nur für ein einladendes Ambiente, sondern inspirierten die Marketingmenschen des Bauträgers auch zu einem neuen Namen für das einstige Zeughaus: Schloss Palmenhain („Château Palmeraie“). Die 27 Wohnungen dieses wahrlich palastartigen Baus konnten 2008 bezogen werden.

Ein wenig „Melrose-Place

Ein wenig Ein wenig „Melrose-Place“-Atmosphäre kommt im Atrium des ehemaligen Zeughauses auf. Foto: Sven Hoch

Die Königlichen Stallungen (2009 – 2014)

Kurz danach begannen die Arbeiten an dem südlich des Zeughauses liegenden Stallgevierts . Wo einst die Pferde der kaiserlichen Garden standen und später der Fuhrpark verschiedener Armeen untergestellt war, entstanden zwischen 2008 und 2014 insgesamt 90 Wohnungen und Reihenhäuser. Herzstück der „Königliche Ställe“ („Les Ètables Royales“) getauften Wohnanlage ist der große Hof in seiner Mitte. Hier gehen private Gärten fließend in die von den Bewohnern gemeinsam genutzte Grünflächen über.

Die ehemaligen Stallgebäude wurden mit Genehmigung der Denkmalschutzbehörde um ein Staffelgeschoss aufgestockt, um ausreichend Wohnraum in den Stadthäusern zur Verfügung zu haben. Auf dieser Aufnahme von September 2014 ist der Nordflügel des Stallgevierts zu sehen. Foto: Sven Hoch

Die ehemaligen Stallgebäude wurden mit Genehmigung der Denkmalschutzbehörde um ein Staffelgeschoss aufgestockt, um ausreichend Wohnraum in den Stadthäusern zur Verfügung zu haben. Auf dieser Aufnahme von September 2014 ist der Nordflügel des Stallgevierts zu sehen. Foto: Sven Hoch

Das Haus am Pfingstberg (2010)

Senioren statt Militärs – mit dieser Perspektive wurde das zweite Haus aus dem Quartett der vier dreiflügeligen Mannschaftsunterkünfte saniert und hergerichtet. Der zentrale Trakt des Baus mit seinem auffälligen Staffel-Giebel und dem Hauptportal befindet sich direkt gegenüber der Zufahrt zum Geviert der „Königliche Ställe“. 60 seniorengerechte Apartments sind in dem 2010 übergebenen Gebäude untergebracht. Es wird heute als „Haus am Pfingstberg“ in Kooperation mit der Potsdamer Volkssolidarität betrieben und bietet auf die Zielgruppe abgestimmte Dienstleistungen bis hin zum Betreuten Wohnen.

Der Löwenpalast (2011)

Es folgte die Sanierung des dritten der vier Mannschaftsquartiere. Das eindrucksvolle Backsteingebäude liegt vis-á-vis des prächtigen Zeughauses („Schloss Palmenhain“). Der zurückgesetzte Mittelbau und die zwei Seitenflügel des Hauses gruppieren sich um einen angedeuteten Hof, der sich gen Osten zum einstigen Exerzierplatz hin öffnet. In seinem Innern konnte noch ein einzelnes Wappentier der kaiserlichen Garde gefunden werden, für die es ursprünglich errichtet worden war: einen Löwen in Form eines Wasserspenders. In dem fortan „Großer Löwenpalast“ („Gran Palais du Lion“) genannten Projekt entstanden bis Anfang 2011 58 Wohnungen.

Die vier Mannschaftsquartiere sind identisch konzipiert und bestehen aus einem zentralen, parallel zur Nedlitzer Straße ausgerichteten Trakt und je einem Nord- und Südflügel. Beispielhaft ist hier der Mittelbau des sanierten Löwenpalastes (Grand Palais du Lion) zu sehen (Aufnahme von September 2014). Foto: Sven Hoch

Die vier Mannschaftsquartiere sind identisch konzipiert und bestehen aus einem zentralen, parallel zur Nedlitzer Straße ausgerichteten Trakt und je einem Nord- und Südflügel. Beispielhaft ist hier der Mittelbau des sanierten Löwenpalastes (Grand Palais du Lion) zu sehen. Foto: Sven Hoch, Aufnahme von September 2014

Das Königs-Atelier (2011)

Parallel dazu wurde im Nordosten des Kasernengeländes mit dem „Königlichen Atelier“ (L´Atelier Royal“) ein weiteres Vorhaben realisiert. Dabei baute man eine unscheinbare Werkstatthalle zu einem ausdrucksvollen, auch äußerlich modern anmutenden Wohnhaus um. Auch hier stellte die Gebäudetiefe die Architekten vor die schwierige Aufgabe, die Wohnungen mit ausreichend Tageslicht zu versorgen. Sie behalfen sich, indem sie einen Teil des Daches entfernten und innerhalb der denkmalgeschützten Gebäudestruktur einen nach oben hin offenen Hofbereich schufen. Wie durch Arkaden schauen die Bewohner nun durch die alten Backsteinpfeiler der alten Außenmauer hinaus in die Umgebung. Das 2011 fertiggestellte „Königs-Atelier“ beherbergt insgesamt 20 Wohnungen.

Modernes Wohnen hinter alten Mauern im wahrsten Sinne des Wortes: die Westfassade des Königlichen Ateliers mit Innenhof und Arkaden. Foto: Sven Hoch

Modernes Wohnen hinter alten Mauern im wahrsten Sinne des Wortes: die Westfassade des Königlichen Ateliers mit Innenhof und Arkaden. Foto: Sven Hoch

Das Potsdam-Shanghai-Business-Center (2012)

Bereits 2006 hatten chinesische Investoren das an der Nedlitzer Straße gelegene ehemalige Wirtschaftsgebäude erworben. Nach Sanierung und Umbau des denkmalgeschützten Hauses eröffneten sie 2012 das „Potsdam-Shanghai Business Center“, das als Anlaufpunkt für chinesische Investoren dienen soll, die in Brandenburg ein Unternehmen gründen oder übernehmen wollen. In dem Klingelhöfferschen Bauwerk stehen 21 Arbeits- und Wohneinheiten zur Verfügung.

Die Kutschenrei (2012)

Die einstige Kutscherei ist ein langgezogener, in Ost-West-Richtung verlaufender Gebäudezug am nördlichen Rand des Kasernengeländes. Sie diente ursprüngliche den hier stationierten kaiserlichen Garderegimentern zur Lagerung und Pflege von Wagen, Deichseln und Zaumzeug. Bereits in den 1920er Jahren begann die damalige Reichswehr sie nach und nach als Garage und Werkstatt für ihren wachsenden Fuhrpark zu nutzen.

Der östliche, schmalere Teil der zweigeschossigen Remise gehört zu den bereits in der ersten Bauphase (bis 1895) der Roten Kaserne errichteten Bauten. Der westliche, deutlich tiefere Gebäudeteil stammt dagegen aus der Zeit der Erweiterungsbauten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ab 2010 wurde die Kutscherei denkmalgerecht saniert und zu Wohnzwecken umgebaut. Insgesamt fanden 40 Wohneinheiten in dem nun um ein Dachgeschoss ergänzten Bauwerk ihren Platz.

Im Schatten einer über 150 Jahre alten Eiche präsentiert sich die denkmalgerecht sanierte einstige Kutscherei der „Roten Kaserne“ in Potsdam-Nedlitz von ihrer schönsten Seite. Foto: Sven Hoch

Im Schatten einer über 150 Jahre alten Eiche präsentiert sich die denkmalgerecht sanierte einstige Kutscherei der „Roten Kaserne“ in Potsdam-Nedlitz von ihrer schönsten Seite. Foto: Sven Hoch

Die Exerzierhalle (2012)

Das neben dem Zeughaus wohl spektakulärste Gebäude der Roten Kaserne ist die ehemalige Reit- und Exerzierhalle. Sie befindet sich jenseits der Kutscherei ganz im Norden des Kasernengeländes innerhalb eines kleinen Parks, der direkt an ein Naturschutzgebiet grenzt. 20 immense Torbögen dominieren die neogotische Fassade des Bauwerks, das zwischen riesigen alten Bäumen wie ein kleiner Palast erscheint.

Nachdem dem Auslauf der Zwischennutzung als Sporthalle entstanden in dem auffälligen Bauwerk ab 2011 insgesamt 21 Wohnungen. Ähnlich wie beim Königsatelier – nur in größeren Dimensionen – trägt ein mit schattenspendenden Lamellen versehener Dachausschnitt über den darunterliegenden Patio das Tageslicht in die Tiefen des Gebäude. Auch die riesigen, in die Torbögen eingelassenen Fenstern bringen Helligkeit in alle Apartments und erlauben aus den Wohnräumen einen ungestörten Blick in die umgebende Parklandschaft.

Die Exerzierhalle - hier die Südfassade - gehört heute sicherlich zu den schönsten Bauwerken der „Roten Kaserne“. Foto: Sven Hoch

Die Exerzierhalle – hier die Südfassade – gehört heute sicherlich zu den schönsten Bauwerken der „Roten Kaserne“. Foto: Sven Hoch

Terrassenhäuser an der Exerzierhalle (2015)

Derzeit werden zwischen Exerzierhalle und Kutscherei mehrere moderne Doppelhäuser errichtet. Diese Verdichtung der Bebauung mit modernen „Allerweltsbauten“ stört die optische Verbundenheit der historischen Kasernengebäude merklich. Vielleicht ist aber eine so großzügige Freifläche, wie sie bisher bestanden hat, heute ökonomisch nicht mehr tolerierbar.

Der Klingelhöffsche Backstein-Palast (2016)

Das ursprünglich von den chinesischen Investoren des Potsdam-Shanghai-Business-Centers erworbene nördlichste Mannschaftsquartier wird nun von dem gleichen Bauträger, der bereits das nahezu identische „Löwenpalais“ restauriert und modernisiert hat, in ähnlicher Form saniert und zu Wohnzwecken hergerichtet. Insgesamt sollen bis Ende 2016 im Rahmen des nach dem Schöpfer der „Roten Kaserne“ benannten Projekts in dem Gebäude 63 Eigentumswohnungen entstehen. Deren Vermarktung bereits begonnen hat (Mehr Informationen zu diesem Projekt hier lesen…).

Mit dem Klingelhöfferschen Backstein-Palais wird nun auch das letzte der vier Mannschaftsgebäude saniert. Foto: Sven Hoch

Mit dem Klingelhöfferschen Backstein-Palais wird nun auch das letzte der vier Mannschaftsgebäude saniert. Foto: Sven Hoch

Mittendrin mit besten Aussichten

Nicht nur die „Rote Kaserne“ hat sich in den letzten Jahren zu einem facettenreichen Wohn- und Arbeitsumfeld entwickelt, auch in seiner Nachbarschaft ist viel geschehen. Im Kernbereich des Bornstedter Feldes fand 2001 die Bundesgartenschau statt, das Buga-Gelände ist zum Volkspark geworden. Östlich des Parks zieht die Biosphäre zahlreiche Besucher an. Den Flächen der einstigen Adolf-Hitler-Kaserne an der Pappelallee im südlichen Bereich des Bornstedter Feldes ist ein moderner Campus entsprungen: ca. 3.300 Studenten sind hier an der Fachhochschule Potsdam immatrikuliert. Zahlreiche Wohnungsbauprojekte zwischen Campus, Volkspark, Pfingstberg und „Roter Kaserne“ befinden sich in verschiedenen Projektierungs- und Bauphase oder sind bereits realisiert worden.

Für das unmittelbar östlich der Nedlitzer Straße an die „Rote Kaserne“ angrenzenden Bereich, das „Quartier Rote Kaserne West“, in dem sich u.a. das ehemalige Casino und die zur Kaiserzeit bzw. während der sowjetischen Belegung entstandenen Wohngebäude befinden, wurde 2012 Wettbewerb ein städtebaulicher Wettbewerb durchgeführt. Die dabei gesammelten Ideen sollen weitere Impulse für die weitere Entwicklung des fast 16 Hektar großen Bereichs geben.

Mehrere Bus- und Straßenbahnlinien erschließen die verschiedenen Bereiche des Bornstedter Feldes und bieten gute Verbindungen innerhalb Potsdams und nach Berlin-Spandau. Die derzeit direkt vor dem einstigen Haupttor der „Roten Kaserne“ endende Straßenbahnlinie soll in den nächsten Jahren weiter gen Norden bis zum Gelände der ehemaligen „Grauen Kaserne“ verlängert werden. Das Terrain dort ist mittlerweile beräumt und mit Versorgungsleitungen, Straßen und Fußwegen erschlossen. Unter maßgeblicher Beteiligung des SAP-Mitbegründers Hasso Plattner soll hier ein völlig neues Stadtviertel entstehen.

Robert Klingelhöffers markante Kasernenbauten befinden sich mittendrin in Potsdams am stärksten prosperierender Zone. Vor 120 Jahren hätte sich der kaiserliche Garnisonsbauinspektor sicherlich nie vorstellen können, wie facetten- und perspektivreich sein rotes Backsteinquartier einst werden würde. Könnte er es dies jetzt sehen, er wäre wohl noch immer höchst zufrieden mit seinem Meisterstück.

Panoramablick über das gesamte, in ein herbstliches Laubmeer eingebettete Areal der „Roten Kaserne“ vom Ostturm des Belvedere auf dem Pfingstberg. Aufnahme vom Oktober 2014. Foto: Sven Hoch

Panoramablick über das gesamte, in ein herbstliches Laubmeer eingebettete Areal der „Roten Kaserne“ vom Ostturm des Belvedere auf dem Pfingstberg. Aufnahme vom Oktober 2014. Foto: Sven Hoch

Quellen u.a.:

  • Kiss, Anja (2010): „Ein preußisches Militärdenkmal des 18. Jahrhunderts – Zur Restaurierung der Skulpturengruppe auf dem Montierungskammergebäude der ehemaligen Roten Kaserne in Potsdam“, erschienen im Mitteilungsblatt der Landesgeschichtlichen Vereinigung für die Mark Brandenburg, Nr. 1/2010.
  • Landeshauptstadt Potsdam (2006 – 2011): Bebauungsplan Nr. 52 nebst Änderungen
  • Ministerium für öffentliche Arbeiten (Hrsg., 1897): „Centralblatt der Bauverwaltung“, Ausgabe vom 3. April 1897.
  • Ministerium für öffentliche Arbeiten (Hrsg., 1891): „Centralblatt der Bauverwaltung“, Ausgabe vom 7. Februar 1891.
  • Projektprospekte diverser Bauträger (u.a. Terraplan, Prinz von Preussen)

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