Meinekestraße: Fraenkels Charlottenburger Stadtpalais

Mondän, rebellisch und frivol: Anfang des 20. Jahrhunderts vermittelte der „Neue Westen“ Berlins aufgeschlossenen Zeitgenossen ein Lebensgefühl, das im krassen Gegensatz zum damals vorherrschenden wilhelminischen Traditionalismus stand. Wie ein prickelnder, farbenfroher, vollmundiger Cocktail sprach der junge Stadtteil, dessen zentrale Verkehrsachse der Kurfürstendamm bildete, sämtliche Sinne an. An jeder Ecke verwöhnten Cafés, Restaurants, Theater, Lichtspiele und Tanzlokale Gaumen, Augen und Ohren. Vor verführerischen Dingen aus aller Welt überquellende Warenhäuser ließen die Herzen höher schlagen. Es duftete nach großer, weiter Welt, zumal eine frische Brise kosmopolitischer Liberalität allzu starre Konventionen hinweg blies und ein fruchtbares Klima schaffte für neue Visionen, Ideen und Unternehmungen.

Der „Neue Westen“ war das perfekte Biotop für ambitionierte Bankiers, Fabrikanten, Kaufmänner, Philosophen, Künstler oder Literaten. Wer aus diesen Kreisen etwas auf sich hielt, wer „mittenmang“ sein wollte, ergriff die Chance, verließ die beengte und beengende Mitte Berlins und zog ins „trendige, freie“ Charlottenburg. Dort wollte jeder natürlich möglichst nah am Kurfürstendamm „residieren“, das trieb die Preise. So konnte sich es nur die besonders gut situierte Klientel leisten, in eines der noblen Bürgerhäuser einzuziehen, die beiderseits des Boulevards und in den angrenzenden Seitenstraßen entstanden. Deren Fassaden beeindruckten durch eine ungeheuer reiche Formensprache, die ungeniert Elemente des Historismus, Jugendstils und Klassizismus aufnahm und mal mehr, mal weniger geschickt miteinander vermengte. Vornehme Eleganz und weltmännisches Flair sollten die Gebäude ausstrahlen, das war das einhellige Bestreben ihrer Baumeister und Architekten.

Hinter den repräsentativen Fronten lebte es sich ausgesprochen komfortabel. Die luxuriösen Wohnungen boten Platz in Hülle und Fülle: acht, neun- oder zehn Zimmer zuzüglich Wirtschaftsräume waren die Regel. Hohen Decken mit aufwändigen Stuckverzierungen, edles Parkett und kunstvolle Flügeltüren, die ganze Zimmerfluchten zu einem einzigartigen Raumerlebnis verbanden, schufen ein offenes wie stilvolles Ambiente. Moderne Errungenschaften wie Fahrstuhl, Telefon, Zentralheizung und elektrisches Licht gehörten bereits zur Standardausstattung.

Noblesse und pure Lust im neuen Westen: Elegante Bürgerhäuser flankieren 1906 den Kurfürstendamm am heutigen Kranzlereck (links). Ausgiebig "schwofen" konnten Mann und Frau im üppig dekorierten Ballhaus "Femina" ein paar Straßen weiter (rechts). Abbildungen: Archiv Wohnmal.info

Noblesse und pure Lust im neuen Westen: Elegante Bürgerhäuser flankieren 1906 den Kurfürstendamm am heutigen Kranzlereck (links). Ausgiebig „schwofen“ konnten Mann und Frau im üppig dekorierten Ballhaus „Femina“ ein paar Straßen weiter (rechts). Abbildungen: Archiv Wohnmal.info

Meinekestraße: Der weltoffene Flair des „alten neuen Charlottenburgs“

Leider sind viele dieser Gebäude durch die Bombenangriffe und Kampfhandlungen im 2. Weltkrieg zerstört worden. Andere wurden später durch diverse „Entstuckungswellen“ in Mitleidenschaft gezogen. Einige dieser imposanten Bürgerhäuser haben aber glücklicherweise alle Unbilden der Zeit recht gut überstanden. Sie präsentieren sich heute mit aufwändig restaurierten Fassaden in gutem, saniertem Zustand. Es sind gerade diese schmucken Bauten, die der City West jenen charmanten Charakter, jenes unverwechselbares Gesicht geben, dass dieses Gebiet so attraktiv macht zum Wohnen, Leben und Flanieren. Eine der schönsten und fast noch vollständig erhaltenen Straßenzüge jener glanzvollen Epoche befindet sich in der Charlottenburger Meinekestraße, gleich gegenüber dem gläsernen neuen Kranzler-Eck. Das gesamte Ensemble aus prächtigen alten Wohn- und Geschäftshäusern steht unter Denkmalschutz. Ein Haus, die „Meinekestraße Nr. 10“, wird in der Denkmalliste des Landes Berlin sogar als Einzeldenkmal geführt. Es blickt auf eine äußerst bewegte Geschichte zurück.

Der Bauherr des Stadtpalais Meinekestraße 10: Dr. Ferdinand Karewski war als Chirurg und Orthopäde tätig. Er galt insbesondere bei der Behandlung von Kindern als Koryphäe. Abbildung: Wikipedia

Der Bauherr des Stadtpalais Meinekestraße 10: Dr. Ferdinand Karewski war als Chirurg und Orthopäde tätig. Er galt insbesondere bei der Behandlung von Kindern als Koryphäe. Abbildung: Wikipedia

Meinekestraße 10: Vornehmes Wohnhaus und Privatsanatorium

Das aus Vorderhaus, Seitenflügel und Gartenhaus bestehende Gebäude war 1899/1900 nach Plänen des Berliner Architekten und Regierungsbaumeisters Max Fraenkel (1856 – 1926) errichtet worden. Es beherbergte neben der Privatwohnung des Bauherrn und Eigentümers Dr. Ferdinand Karewski (1858 – 1923), eines angesehenen Mediziners, auch dessen renommierte Privatklinik, mehrere Mietwohnungen sowie im Erdgeschoss des Vorderhauses zwei Ladenlokale. Prägnante Visitenkarte des Hauses war natürlich die elegante Straßenfront. Die Fassade trug eindeutig die „Handschrift“ ihres Schöpfers: in der für ihn typischen Art kombinierte Fraenkel Jugendstilelemente und historistische Formen zu einem stattlichen Äußeren, dass den mondänen Nachbargebäuden in Nichts nachstand.

Hauptadresse des jüdischen Exodus

Nach Karewskis Tod blieb die „Meineckestraße 10“ nicht mehr lange in Familienbesitz. 1925 verkauften die Erben das Haus an die „Jüdische Rundschau“. Das Blatt war eine der wichtigsten jüdischen Wochenzeitungen Deutschlands und zugleich das Zentralorgan der Zionistischen Bewegung. Im folgenden Jahrzehnt entwickelte sich das Gebäude zu einem Zentrum des jüdischen Lebens in Berlin. Neben dem Zeitungsverlag hatten zeitweilig mehr als 30 jüdische Organisationen hier ihren Sitz, darunter u.a. auch die “Jewish Agency for Palestine („Palästina-Amt“). Diese Einrichtung organisierte und förderte die Auswanderung deutscher Juden nach Palästina. Dabei kooperierte das ursprünglich in erster Linie zionistische Siedlungsinteressen verfolgende „Palästina-Amt“ im Rahmen des „Ha’avara-Abkommens“ zunächst eng mit den Nazis.

Während der Ausschreitungen in der „Reichskristallnacht“ wurde das Auswanderungsbüro schwere beschädigt, konnte aber seine Arbeit fortsetzen. Die Verfolgung der deutschen Juden nahm nun dramatisch zu. Die „Meinekestraße 10“ war jetzt die wichtigste Adresse, der zentrale Fluchtpunkt für diese Menschen. Mit Glück und Beziehungen galt es hier in den Büros der Jewish Agency das sog. „Palästina-Zeritifkat“, die Eintrittskarte ins gelobte Land, zu ergattern. Einige zehntausend schafften es. Eine kleine Gedenktafel zwischen Haupteingang und Tordurchfahrt erinnert heute an jene Zeit.

Fotostrecke: „Meinekestraße 10: Der architektonische Charme des alten neuen Berliner Westens“. Alle Fotos: Sven Hoch – Zum Start auf ein Bild klicken!

Duftwasser und Grand Hotel

Das Fraenkelsche Stadtpalais überstand wie die einige andere Häuser der Meinekestraße den Zweiten Weltkrieg mit verhältnismäßig geringen Schäden. Die großen herrschaftlichen Wohnungen unterteilte man in kleinere Einheiten, um der Wohnungsnot in der Nachkriegszeit zu begegnen. Im Erdgeschoss und Hof finden Gewerbetreibende Platz. In der Meinekestraße 10 richtete der Kosmetikhersteller „Edkadulon“ Verkaufs- und Produktionsräume ein. Bis in die 1960er Jahre hinein verkaufte die Firma von hier aus ihre Produkte. Bestseller war das Parfum namens „Dreiklang“.

Später etablierte sich mit der „Pension Meineke“ der erste Beherbergungsbetrieb in dem Gebäude. Daraus ging das heutige „Grand City Hotel Berlin Zentrum“ hervor. Das Hotel nutzt das gesamte Vorderhaus und Teile des Seitenflügels. Hinter dem Hauptportal empfängt die Hotelgäste ein zwar typisch berlinerisches und dennoch einmaliges Ambiente, das sich eines „Grand Hotels“ wahrhaft würdig zeigt: So führt ein mit prächtigen Decken- und Wandgemälden versehener, mit dunklem Holz vertäfelter und mit rotem Teppich ausgelegter Treppenaufgang direkt in die in Beletage gelegene Hotellobby. Dort zieht ein historischer Fahrstuhl alle Blicke auf sich und unterstreicht den ehrwürdigen Charakter des Gebäudes. Leider erfüllt der Rest des Hotels dann nicht die Erwartungen, die der beeindruckende Eingangsbereich aufsteigen lässt. Die Ausstattung der Zimmer ist zumeist nicht mehr taufrisch und entspricht allenfalls 3-Sterne-Niveau.

Zurück auf Anfang: Schickes Wohnen in bester Kudamm-Lage

Allerdings sind die Tage des Hotelbetriebs ohnehin gezählt. Der gesamte Gebäudekomplex der Meinekestraße 10 wird alsbald komplett saniert und in erster Linie zur Wohnnutzung umgebaut. Bis 2015 entstehen dort 23 Eigentumswohnungen sowie im Erdgeschoss des Vorderhauses zwei Gewerbeeinheiten (Ladengeschäfte). Die Wohnungen sind zwischen 48 und 340 Quadratmeter groß und verfügen über 2 – 6 Räume. Rund 3 Meter hohe Decken, Stuck, und Parkett sorgen für ein großzügiges und edles Ambiente. Die meisten Einheiten verfügen über ein Balkon, die beiden Dachgeschosswohnungen über eine Dachterrasse. Es wird also bald wieder ein bisschen wie vor gut 100 Jahren sein, als die Stadtpalais der Meinekestraße schon einmal Maßstäbe für elegantes, zeitgemäßes Wohnen im „Neuen Westen“ setzten.

Kaufpreise / Weitere Infos zum Projekt

Die Kaufpreise für die Eigentumswohnungen in der Meinekestraße liegen am obersten Ende dessen, was derzeit in Charlottenburg für Wohnimmobilien verlangt wird. Sie bewegen sich zwischen ca. 5.150 Euro/Quadratmeter (Apartments im Erdgeschoss des Gartenhauses) bis zu rund 7.500 Euro/Quadratmeter bei den Dachgeschosswohnungen. Erwerber einer Wohneinheit in dem Gebäude können jedoch einen Teil des Kaufpreises als Denkmalschutz-AfA steuerlich geltend machen. Diese Abschreibungsmöglichkeit besteht jedoch (wohl) nicht für die zwei Dachgeschosswohnungen.

Wer sich für dieses Projekt interessiert, kann über dieses Kontaktformular weitere Details (z.B. Grundrisse, Verfügbarkeit) direkt anfordern.