Spuren eines Architektosophen

Absolut durchgeknallt – das Echo auf Moritz August Endells(1871 – 1925) Erstlingswerk als Baumeister war so vielstimmig wie unisono. Völlig überraschend hatte der studierte Philosoph und künstlerische Autodidakt 1896 den Auftrag für den Neubau des Fotoateliers „Elvira“ in der Münchener Von-der-Tann-Straße erhalten. Sein Entwurf für das zweistöckige Gebäude brach mit allen Konventionen. Um grelles Sonnenlicht vom Studio fernzuhalten, verloren sich nur wenige Fenster in der grasgrünen Fassade. Ein riesiges, etwa 13 mal 7 Meter großes Ornament erstreckte sich nahezu über das ganze Obergeschoss und beherrschte das Antlitz des Flachdachbaus. Grell in türkisen und violetten Farben leuchtend stach die überdimensionale Stuckfigur dem Betrachter geradezu brüsk ins Auge. So ein abnormes Design hatte noch niemand gewagt. Ungläubig starrten die Münchener auf das Gebäude, diskutierten Normalbürger, Künstler und Architekten heiß über das, was sie da sahen. War da eine Meerjungfrau, ein Drachen oder eine Muschel inmitten tosender Wogen? Oder nur ein zerfledderter Aprikosenkern, von einem Wahnsinnigen an die Wand geklatscht?

Wohl nichts von alledem. Endell verstand sich selbst vor allem als Philosoph und Künstler, erst in zweiter Linie als Architekt. „Reine Formkunst“, schrieb er nach Vollendung des Bauwerks im Jahr 1898, „ist mein Ziel. Fort mit jeder Association.“ Formen wolle er schaffen „die nichts sind und nichts bedeuten, und die dennoch direkt und ohne intellektuelle Vermittlung auf uns wirken – wie die Töne der Musik“. Formen schaffen, die Gefühle hervorrufen! Mit seinem außergewöhnlichen, in den Augen vieler Zeitgenossen gar skandalösen Erstlingswerk gelang ihm dies in eindrucksvoller Weise. Der Schöpfer des „Elvira“ war in aller Munde, vielleicht sogar mehr, als ihm selbst lieb war. Doch seine neue Bekanntheit verhalf ihm auch zu neuen Aufträgen. Mitsamt der Inneneinrichtung gestaltete er wenig später z.B. ein Sanatorium bei Wyk auf Föhr (1898). In den folgenden Jahren konzentrierte sich Endell dann aber vor allem auf das Design von Möbeln.

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Das “Bunte Theater“ in der Köpenicker Straße

Das änderte sich erst im Frühsommer 1901. Angelockt von einem Projekt, das ihm Ernst von Wolzogen, der Gründer eine der ersten deutschen Kabarett- und Varietéprogramme, unterbreitet hatte, zog Endell damals nach Berlin. Wolzogen hatte im Hof des Hauses Köpenicker Straße 68 ein Gebäude mit einem großen und mehreren kleinen Festsälen gemietet. Endells Auftrag lautete, dieses Gebäude in einen attraktiven Bühnenrahmen für Wolzogens „Buntes Theater“ umzubauen. Endell schuf nicht nur aus Nebensälen Foyers und Zuschauerränge, sondern entwarf auch die Innenausstattung bis ins kleinste Detail: alle Wand- und Deckenverkleidungen, Türen, Fenster, Heizkörper, Lampen, Stoffbezüge, Teppiche, Türklinken, selbst die Kleiderhaken wurden nach seinen Zeichnungen gefertigt.

Gerade einmal fünf Monate dauerten die Umbauarbeiten – von den ersten Abrissarbeiten im Juni 1901 bis zur Eröffnung des Theaters am 28. November desselben Jahres. Wie in seiner Münchener Zeit hatte Endell auf expressive Ornamentik und intensive Farbspiele gesetzt. Die einzelnen Formen vereinigten sich zu einem opulenten Gesamtkunstwerk, dass seine enorme fast übermächtige Wirkung auf die ersten Gäste des Hauses nicht verfehlte.

Der Kunstkritiker Fritz Stahl schrieb am Tag nach der Eröffnungsvorstellung im Berliner Tageblatt: »Was zuerst ins Auge fällt, ist die sehr originelle und feine Farbenwirkung. Die Wandflächen zeigen hellweinrote Flecken auf einem blaulichen Grundton. Sie sind durch schlanke Halbpfeiler gegliedert, die als Stämme ins Phantastische gewachsener Untermeeresbäume gestaltet sind, und spielen wie das Rahmenwerk der Bühne zwischen Braun und Blau. Oben werden sie durch einen Fries abgeschlossen, auf dem riesige Insekten krabbeln. Über dem Fries setzt das Gewölbe an, das in Rosa, Mattblau und Silber den Schimmer von Perlmutt nach ahmt und dem Raum etwas Leichtes und Heiterfestliches gibt! In diesen Ton ragen die Kronen der oben erwähnten Bäume hinein. Die Gliederung der Ränge geht in Grün. Der Vorhang zeigt auf eisengrauem Sammet Ornamente in einem ganz matten Grün und einem hellen Gelbrot. (…)»Bewunderungswürdig ist die ungeheuere Detailarbeit, die Endell geleistet hat, an Erfindung und Durchführung. Überall bis in die Logen, Garderoben und Vestibüle sind immer wieder neue Muster angebracht, ist jedes Stück besonders angefertigt.“ Stahl kann sich angesichts der überbordenden Farb- und Formvielfalt jedoch einen Anflug von Kritik nicht verwehren: „Ist dieser Stil Endells für das Überbrettl („Überbrettl“ war der Name des Kabarettsprogramms, Anmerkung von Wohnmal.info) erfunden? Ist er, wenigstens in seinen Bizarrerieen, so halb selbstparodistisch gemeint? Oder ist es sein Stil für alle Tage, und soll er ganz ernsthaft auch für uns einfache Menschen gelten? Hoffentlich doch nicht!“

Der Endellsche Hof am Hackeschen Markt

Tatsächlich begann nach Fertigstellung des Wolzogen-Theates eine neue Phase in Endells Schaffens. Die abstrakte Wildheit und bizarre Schrillheit seiner architektonischen Kreationen wurde nach und nach von ruhigeren Formen und Farben abgelöst. Das mag auch daran gelegen haben, dass der damalige architektonische Mainstream in der deutschen Hauptstadt maßgeblich von den historistischen Vorstellungen des letzten deutschen Kaisers und seines Hofstaates bestimmt wurde. Dagegen musste sich auch Endell erst einmal behaupten. Jedenfalls wurden die schwingenden Linien des Jugendstils in seinen Entwürfen nun zurückhaltender, feiner, geometrischer. Endells so gereifte Vision von der „Schönheit der großen Stadt“ offenbart sich uns heute am ehesten beim Anblick seiner wohl bekanntesten, noch existierenden Schöpfung: dem 1. Innenhof der Hackeschen Höfe. 1905 hatte der dort ansässige Gastronom Wilhelm Neumann Endell beauftragt, die Hoffassaden und die um ihn herum gruppierten Festsäle seines Weinlokals zu gestalten. Mit wenigen Mitteln – wechselnden Trauf- und Giebelformen, der Gestalt, Größe und Anordnung der Fenster sowie einfacher, abstrakter, an maurische Keramiken erinnernden Muster aus farbig glasierten Steinen – gelang es dem Architekten, einen kleinen, anmutigen Stadtplatz zu schaffen, der damals wie heute mit seiner beschwingten, städtischen Flair Fremde und Einheimische wie magisch anzuziehen weiß.

Stadthäuser und Villen in Charlottenburg

Gerade seine Entwürfe für Stadthäuser und Villen in Berlin und Potsdam bezeugen den Wandel des endellschen Stils weg von der ausschweifenden Emotionalität hin zur einer sachlichen Funktionalität. Ein erstes Beispiel hierfür ist das von Endell 1906/7 realisierte Wohnhaus am Steinplatz im noblen Charlottenburg. Das Gebäude mit der Hausnummer Uhlandstraße 197 besticht noch heute durch seine klaren, feinen Linien. Zwei Erker, ein schmaler Gesims zwischen dem ersten und zweiten Obergeschoss und unterschiedliche Fensterformen strukturieren die ausgewogene, angenehm zurückhaltende Fassade, dezent betonen quadratische und rautenförmige Stuckelemente den architektonischen Rhythmus des Hauses. Geschwungene Ornamente zieren einzig das prachtvolle, bereits in der Uhlandstraße gelegene Eingangsportal. Leider befindet sich das Gebäude jetzt in einem bemitleidenswerten Zustand.

Noch deutlicher trat Endells moderne Sachlichkeit dann bei den von ihm geplanten Stadtvillen im Charlottenburger Westend zu Tage, z.B. beim Haus Nelson (Eichenallee 15, 1910 erbaut) oder beim Haus Kühl (Akazienallee 14, ebenfalls von 1910). Bei diesen Häusern waren es nicht mehr die schmückenden Details, die Endells Architektur ihren besonderen Ausdruck verleihen, sondern die klare Formensprache der gesamten Gebäudestruktur. Schlichte Eleganz und Funktionalität waren hier die prägenden Elemente des Entwurfs.

Lageplan der Endell-Bauwerke in Berlin

Lageplan der noch vorhandenen Endell-Bauwerke in Berlin.
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Die Trabrennbahn in Mariendorf

Dies waren auch die wesentlichen Design-Merkmale eines weiteren prominenten Projektes Endells in Berlin. Im Ortsteil Mariendorf, heute zum Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg gehörend, schuf er noch vor dem 1. Weltkrieg die Bauwerke für die damals modernste Trabrennbahn Deutschlands. In den 1920er Jahren wurde die 1913 eröffnete Anlage zu einer einem wahren Besuchermagnet. Leider sind große Teile des endellschen Gebäudeensembles in Mariendorf den Kampfhandlungen des 2. Weltkriegs zum Opfer gefallen, darunter die Haupttribüne und der für seine geschwungene Terrasse berühmte Tee-Pavillon. Eine kleinere, offene Tribüne aber hat die Wirren der Berliner Geschichte bis heute überstanden. Nach einer umfassenden Sanierung und Restaurierung ist sie seit 2002 wieder für die Besucher der Trabrennen zugänglich. Das kleine, grün gestrichene Bauwerk besticht – gerade im Kontrast zu dem modernen, verglasten Tribünenhaus – durch seine wundervolle schlichte und doch edle Formgebung. Ob allerdings der neue Name des Baus, „Kaiserlich-Endellsche Tribüne“, seinen geistigen Vater glücklich gemacht hätte, darf bezweifelt werden, standen doch seine ästhetischen Ideale denen Wilhelms II. diametral entgegen.

Endells kunsttheoretisches Erbe

Das Fotoatelier Elvira in München und das Wolzogen-Theater sind im zweiten Weltkrieg zerstört worden. Umso wichtiger ist es, die noch erhaltenen Berliner Bauten August Endells als wichtige Zeugnisse des Jugendstils und steinernes Erbe eines seiner führenden Repräsentanten zu erhalten und zu pflegen. Endells Vermächtnis besteht aber nicht nur aus denkmalgeschütztem Putz und Stuck. So war er eine Zeit lang Mitherausgeber der Kunstzeitschrift PAN, die als wichtigstes Blatt des Jugendstils galt. Auch hat er zahlreiche, durchaus wegweisende Schriften verfasst. Sein wichtigstes Werk war zweifelsohne die 1908 erschienene Vision „Die Schönheit der großen Stadt“. Darin entwickelte Endell sein Ideal der Stadt als Ort der Begegnung von Menschen, Wirtschaft, Kunst und Kultur. Was er darunter versteht, kann man wie oben bereits erwähnt in dem von ihm gestalteten Teil der Hackeschen Höfe noch jetzt hautnah erleben.

Seine herausragenden kunsttheoretischen Arbeiten fanden jedoch erst späte Anerkennung: 1918 wurde er zum Direktor der Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Breslau (das heutige Wrocław in Polen) ernannt. An den Ort seiner wichtigsten Schaffensperiode zurückgekehrt, starb August Endell am 15. April 1925 in Berlin.

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