Schinkels schönes Schmerzenskind

Sie ist viel kleiner als der in Sichtweite gelegene Berliner Dom. Aber im direkten visuellen Vergleich mit dem dunklen Koloss am Lustgarten tritt die grazile Eleganz und ausgereifte Harmonie ihrer schmalen Silhouette besonders hervor. Ihr Inneres überrascht durch eine Heiterkeit und Leichtigkeit, die man in einem solchen Gebäude nicht unbedingt erwartet. Egal wie oft ich hier schon war, für mich bleibt der schlanke rote Sakralbau unweit des Kupfergrabens einer meiner absoluten Lieblingsorte in Berlin. Ihrem berühmten Schöpfer aber bereitete die zierliche Friedrichswerdersche Kirche so viel „Kopfzerbrechen“ wie kaum ein anderes seiner zahlreichen Werke.

Schon lange vor der Grundsteinlegung begannen die Auseinandersetzungen. 1817 hatte der damalige preußische Baudezernent Karl Friedrich Schinkel in seinem „Bebauungsplan für Berlin“ vorgeschlagen, im Stadtteil Friedrichswerder zwei nebeneinander liegende und symmetrisch gestaltete Gotteshäuser zu errichten. Diese Doppelkirche sollte das baufällige kurfürstliche Reithaus ersetzen. Das behelfsmäßig umgebaute einstige Stallgebäude war spirituelles Zuhause gleich zweier Christengemeinden: den vereinigten Lutheranern und Calvinisten sowie der französisch-reformierten Gemeinde. Schinkels Ideen zur Gestaltung der Stadt gefielen, seine Pläne wurde in den Folgejahren weitgehend realisiert – nur nicht der Bau der Zwei-in-Einer-Kirche. Stattdessen wurde das Reithaus notdürftig instand gesetzt.

1821 reichten zwei andere Baumeister Pläne für den Neubau der Simultankirche ein. Schinkel konterte mit einem eigenen Entwurf. Der orientierte sich diesmal an antiken Vorbildern, namentlich dem Masion Carré in Nîmes. Doch sein römischer Tempelbau fiel beim königlichen Bauministerium genauso durch wie die Vorschläge der beiden Konkurrenten. Ein Jahr später präsentierte Schinkel ein weiteres Konzept. Es sah eine schlichte, neoklassizistische Wandpfeiler-Kirche mit separatem Glockenturm vor. Doch auch diese Idee stieß nicht auf die erforderliche Gegenliebe beim royalen Geldgeber. Entnervt schob der Architekt das Projekt beiseite.

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Sieben verflixte Jahre
Überraschend wurde Schinkel 1823 an den Hof gerufen. Kronprinz Friedrich Wilhelm wollte von Preußens Vorzeigebaumeister neue Entwürfe für die christliche Kultstätte. Und zwar welche nach seinem eigenem Gusto. Eine Kirche im mittelalterlichen Gotik-Look, meinte der Hohenzollern-Sproß, passe am besten zu den schmalen und unregelmäßigen Gassen hinter dem vorgesehenen Bauplatz am Werderschen Markt. Der Thronfolger drückte Schinkel zwei Bücher als stilistischen Leitfaden in die Hand: „The architectural antiques of Great Britain“ und „Cathedrals antiques“, zwei Wälzer geschrieben von John Brittons, einem der Trendsetter für das Gotik-Revival auf den britischen Inseln.

Aber das schmale Grundstück war zu klein für majestätische Kathedralen oder gewaltige Dombauten. Schinkel ließ sich von den englischen „Chapels“ (Kapellen) inspirieren, experimentierte mit Einturm- und Doppelturmfassaden, drei-, vier- und fünfjochigen Konstrukten, beschäftigte sich mit dem für das mittelalterliche Norddeutschland so typischen unverputzten Backsteinmauerwerk. So fand er schließlich in einer ausgewogenen Verbindung von neogotischen und klassizistischen Elementen eine Form, um blaublütige Wünsche, weltliche Realitäten und seine eigenen ästhetischen Ideale unter einem irgendwie noch mittelalterlich anmutenden, kompakt dimensioniertem und dennoch großzügig wirkendem Dach zu vereinen.

Mittlerweile hatte König Friedrich Wilhelm III. Wind vom Auftrag seines Sohnes bekommen und verlangte die Arbeiten zu sehen. Im März 1924 legte Schinkel dem obersten aller Preußen vier Vorschläge für das neue Gotteshaus vor. Während der Grundriss bei allen Varianten grundstücksbedingt recht ähnlich war, unterschieden sie sich in ihrem äußeres Erscheinungsbild erheblich voneinander. Zwei der Entwürfe waren im antiken Stil gehalten, einmal mit korinthischen, einmal mit dorischen Säulen. Die beiden anderen Skizzen verbanden die romantischen Vorstellungen des Kronprinzen auf subtile Art und Weise mit einem schlichten kubischen Baukörper, einmal in einer ein-, einmal in einer doppeltürmigen Ausführung. Nach einigem hin und her über die Höhe und Gestalt von Dach und Türmen verkündete der Herrscher von Gottes Gnaden seine Entscheidung: die very britische klassizistische Neogotik-Version mit den Zwillingstürmchen wollte er haben.

Karl Friedrich Schinkel im Jahr 1826, Porträt des deutschen Malers Carl Joseph Begas (1794–1854). Quelle: Wikipedia

Klamme Finanzen, fehlendes Know How und zerrissene Mäuler
Mit dem Bau wurde umgehend begonnen. Der ursprüngliche Zeitplan geriet jedoch schon bald aus den Fugen. Fortwährende Budgetkürzungen zwangen Schinkel und seinen Bauleiter Ludwig Ferdinand Hesse immer wieder zu Korrekturen und Änderungen der ursprünglichen Pläne. Auch fehlende Fertigkeiten der beteiligten Baumeister und Handwerker behinderten die Arbeiten. Die Maurer zum Beispiel hatten große Schwierigkeiten das Sichtmauerwerk so zu errichten, dass es den ästhetischen Ansprüchen Schinkels halbwegs genügte. Dies lag nicht nur an den verwendeten handgestrichenen Ziegeln, die minimal in der Höhe voneinander abweichen konnten. Weil damals Gebäude üblicherweise verputzt wurden und es daher beim Bau logischerweise nicht so sehr auf gleichmäßiges Mauern ankam, waren die Arbeiter die nun notwendige Präzision schlichtweg nicht mehr gewohnt.

Volle sieben Jahre dauerte es, bis das Gotteshaus endlich fertig war. Damit war der Ärger für Schinkel aber noch nicht vorbei. Nach dem Einweihungsgottesdienst beklagten sich gleich ein paar Nörgler über die angeblich schlechte Akustik. Vor allem aber das Fehlen des Monumentalen in seiner Architektur rief Kritiker auf den Plan. Sie verspotteten die Kirche als „Taschenausgabe des gotischen Stils“. Von dessen charakteristischer aufstrebender, überschwänglicher Imposanz sei nichts zu spüren. Als „Schinkels Schmerzenskind“ wurde das Gebäude gar geschmäht. Und dennoch war es stilprägend, wurde mit seiner Backsteinfassade zum architektonischen Vorbild für zahlreiche Gotteshäuser, die in den Folgejahren im preußischen Raum errichtet wurden.

Architektonisches Kleinod und Museum
Heute gilt die Friedrichswerdersche Kirche als eines der bedeutendsten Bauwerke der deutschen Neogotik. Die zurückhaltende, klare und grazile Architektur findet jetzt ihr verdientes Lob und Anerkennung. Auch in der Rangliste meiner persönlichen Lieblingsorte in Berlin ist sie ganz oben mit dabei, diese Kirche. Dieser Bau hat einfach eine unglaubliche Ausstrahlung. Umgeben von den ultramodernen Bauten mit ihren gläsernen Fassaden gleicht sie einem kostbarer Rubin in edler Fassung. Die Sonne lässt die Backsteinfassade je nach Sonnenstand in den unterschiedlichsten roten Tönen leuchten. Wie magisch zieht sie so die Blicke der Passanten an. Dieser Zauber vergeht auch nicht, wenn man das Gebäude dann betritt. Auch nach vielen Besuchen bin ich noch immer jedes Mal überwältigt von dem herrlichen hohen Raum, der sich hinter den schweren Eisentüren vor mir öffnet. Durch die prächtigen farbigen Bleiglasfenster sanft gebrochene Sonnenstrahlen tauchen das Innere des Bauwerks in ein faszinierendes Licht.

Im Kirchraum ist allein schon die hölzerne Kanzel mit ihrer neogotischen Ornamentik eine große Attraktion. Gepredigt wird von dort allerdings schon lange nicht mehr. Seit Ende der 1980er Jahre ist das einstige Gotteshaus eine Dependance der Nationalgalerie. Hier werden Arbeiten von Bildhauern der sogenannten Berliner Schule gezeigt. Diese Künstler des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts waren Zeitgenossen Schinkels. Kunstvoll gruppiert machen ihre Meisterwerke des Klassizismus und der Romantik das Kirchenschiff lebendig. Die bekannteste Skulptur ist die „anstößige“ Prinzessinnengruppe (mehr Details dazu in der Fotogallerie). Ein paar Schritte nebendran trifft man auf eine überlebensgroßes Abbild Karl Friedrich Schinkels. Die Ausstellung über seine Berliner Bauten oben auf der Empore ist ein eindrucksvolles Zeugnis seiner ungeheuren Schaffenskraft. Irgendwie finde ich es ganz versöhnlich, dass ausgerechnet sein größtes baulichen „Schmerzenskind“ heute als Schinkel-Museum das Lebenswerk des berühmtesten aller preußischen Baumeister lebendig hält. Der Eintritt ist übrigens frei.

Quellen (u.a.): Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz: Ausstellung in der Friedrichswerderschen Kirche; Kunst, Hans-Joachim: Bemerkungen zu Schinkels Entwürfen für die Friedrichswerdersche Kirche in Berlin; Maaz, Bernhard, Abri, Martina und Raabe, Christian: Die Friedrichswerdersche Kirche: Schinkels Werk, Wirkung und Welt

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