Seifenblasen

Häuserhändel
Der Häuserkauf ist in Berlin etwas Alltägliches; jeder kauft auf Spekulation und ist in derselben Stunde wieder zum Verkauf bereit, wenn er es nicht schon im Voraus getan. Diese Leichtfertigkeit des Handels gibt dem Philister eine gewisse Sorglosigkeit, zumal er glaubt, dass er durch Spekulation so solider Art noch am sichersten gehe. (Als Philister bezeichnet Dronke jene seiner Meinung nach halbgebildete Mittelschicht, die den sogenannten Mainstream verkörpert. Man könnte Philister auch mit „Spießbürger“ übersetzen. Anmerk. von Wohnmal.info) Die verschiedenen Weisen jedoch, mit welchen die Gauner bei Unternehmungen dieser Art gegen den Philister zu Werke gehen, sind zahllos. Am gangbarsten aber ist eine, welche trotz so vieler Lehren und Warnungen, die der Philister schon erhalten, noch immer Resultate erschwingt. Es ist nämlich bei allen Kontrakten Sitte, ein Reugeld für den Fall festzusetzen, dass einer der Kontrahenten zurückträte. Dem Philister wird nun mit den besten Empfehlungen ein Kauflustiger vorgeführt, dessen Papiere auch ein bedeutendes Vermögen nachweisen; der Kauf wird unter günstigen Bedingungen stipuliert, der Käufer, welchem sehr viel daran zu liegen scheint, zahlt ein Angeld, bestimmt einen Termin zu Zahlung und setzt ein Reugeld für den Fall des Zurücktretens fest. Die Summe eines solchen Reugeldes beläuft sich nach Umständen auf 400 bis zu 1000 Talern. Ist nun der Kontrakt soweit in Ordnung, so werden plötzlich dem Philister die ungünstigsten Nachrichten über die Verhältnisse seines Käufers überbracht; der Mann erschrickt und lässt sich am Ende lieber zur Zahlung einer kleinen Summe bewegen, statt dass er das Ganze aufs Spiel setzte. Ebenso ist die Aufnahme von Hypothekengeldern ein Mittel in Berlin, um den Philister seine Taschen zu erleichtern. Falsche Dokumente, Scheinkäufe und dergleichen sind die Grundlage, auf der die Gauner ihr Unternehmen mit der Unvorsichtigkeit des Philisters bauen; ja, vor einigen Jahren kam es in Potsdam vor, dass ein Mann ungeheure Kapitalien auf ein Haus geliehen hatte, welches, wie sich später ergab, gar nicht existierte.

Bauernfängerei beim Börsenspiel

Die Spekulation, welche in Berlin, wie in allen großen Städten ins Maßlose getrieben wird, hat die verschiedensten, ergiebigsten Felder. Die Masse sieht, wie einzelne oft an einem Tage durch einen Federstrich, ja oft ohne die geringste bare Auslage, urplötzlich Reichtümer gewinnen, und dieser Anblick reizt sie natürlich zur Nachahmung. Indes geht es hier wie überall im Staat des Mammonismus, dass nur der Gewinn zieht, der das Geld oder den Kredit dazu hat, die feindlichen Wechselfälle aushalten zu können. Der Aktienschwindel hat in Berlin zahllose Leute ruiniert. Jeder wollte auf so leichte und schnelle Weise Reichtümer erwerben, und man sah kleine Beamte und Handwerker neben den Bankiers und Großspekulanten ihre Geschäfte machen; die Spekulation war allgemein, wie dies natürlich in Verhältnissen der Fall sein muss, die dem Menschen den Gelderwerb zum Lebenszweck machen. Aber die Kleinen wurden von den Großen erdrückt; die Großhändler, welche die Papiere künstlich auf die höchste Höhe geschraubt, ließen dieselben, als sie in den Händen der Niederen waren, plötzlich herunterfallen, und durch diesen gesetzlich erlaubten Betrug der großen Besitzenden wurde eine Masse von Familien ins Unglück gestürzt. (…)

Geiz ist geil

Die Spekulationswut hat ebenso natürlich auch die andern Zweige des Handels ergriffen. Die ungeheure Konkurrenz, welche die Gewerbefreiheit in allen Handelsartikeln hervorrief, sowie die Überproduktion haben den Handel in eine Fieberhitze hineingejagt, bei deren Anblick jene Leute „auf den Höhen der Gesellschaft“ nur von Besorgnis für die Zukunft erfüllt werden können. In Berlin findet man nicht nur in den Hauptvierteln, sondern bereits in allen entlegenen Teilen Laden an Laden. Die Notwendigkeit der Existenz zwingt sie zu den abenteuerlichsten Mitteln, um nur Kunden zu erhalten. Die großen Affiches, welche man an allen Ecken und öffentlichen Plätzen angeheftet sieht, bieten in den schreiendsten, renommierendsten Ausdrücken dem Publikum die Neuigkeiten an. In ungeheuren Buchstaben, die man hundert Schritt weit erkennen und lesen kann, leuchtet es hinüber: „Meine Herren, können Sie Geld brauchen?“

Tritt man näher, so gewahrt man, dass das Geldanbieten in einer fabelhaften Billigkeit von Kleidern und Waren besteht. „Nie dagewesen!“ – „Unerhört billig!“ – „Hierher geschaut!“ – „Hört, hört!“ – So schreit es von allen Ecken, selbst von den Bäumen der Promenaden herab in den stummen , riesigen Buchstaben. Das Vorurteil ist allgemein gegen diese Marktschreier, und doch machen sie nicht selten glänzende Geschäfte. Ihre Preise können sie mit Recht fabelhaft nennen, denn die also ausgeschrienen sind in der Tat nie zu finden; gewöhnlich sind die Artikel, nach denen in Bezug auf die Annonce nachgefragt wird, eben im Augenblick ausgegangen. Nichtsdestoweniger aber sind die Preise dieser Handelsbramarbasse doch so billig, dass die geringeren und mittelloseren Leute, namentlich aus der Umgegend kommend, bei ihnen kaufen und sich nicht schlecht dabei befinden. Manche verkaufen wirklich ihre Sachen unter Wert, bloß um zu Geld zu gelangen und für den neuen, größeren Kredit bei der Messe Zahlung leisten zu können; dann nach einigen Jahren werden sie bankerott, aber sie haben doch eine Zeitlang existiert und vielleicht für den Fall der Not etwas zurückgelegt. Diese Gaunereien sind die Folge des Kriegssystems im „friedlichen“ Handel.

Seifenblase-Ernst-Dronke

Seifenblase. Foto: Leolumix, Flickr. Bearbeitung: Sven Hoch

Zum Hintergrund: Ernst Dronke und Berlin

Ein pointierter Kommentar zum aktuellen Zeitgeschehen, könnte man meinen. Dabei ist dieser Text (mit Ausnahme der von mir ergänzten Überschriften) bereits mehr als 160 Jahre alt. Es ist ein Auszug aus Ernst Dronkes umfangreichen Beschreibungen der Zustände im schnell wachsenden Berlin, die erstmalig im Jahre 1846 unter dem Titel „Berlin“ veröffentlicht wurden. Feinfühlig, tiefgründig und zeitweilig überaus bissig schildert Dronke die oft widersprüchlichen Lebensverhältnisse der Berliner, lässt sich detailliert über Arbeitslosigkeit, Prostitution, Polizeiwillkür, Geldwesen, Armenhäuser und Luxusrestaurants, bespitzelte Volksversammlungen, den Berliner Witz und die Wohn- und Arbeitsverhältnisse von Arbeitern und Bürgern aus.

Der Obrigkeit und den Philistern gefiel das Spiegelbild nicht, dass ihnen beim Blick in Dronkes Buch vorgehalten wurde. Das zweibändige Werk wurde sofort nach seinem Erscheinen von der Zensur verboten. Der Autos selbst landete wegen „Majestätsbeieidigung, Verspottung der Landesgesetze, Erregung von Mißvergnügen (?) und Amtsbeleidigung“ für zwei Jahre im Kerker. Mich dagegen hat Dronkes „Berlin“ begeistert. Es ist, wie man bei einem Blick in eine Zeitung, ins Fernsehen oder Internet jederzeit überprüfen kann, nicht nur in vielerlei Hinsicht noch immer brandaktuell, sondern eines der wenigen Bücher, das die facettenreiche Widersprüchlichkeit, die unglaubliche Dynamik und das brüchige Selbstverständnis dieser Stadt in ihrer Breite erfasst. Heute wie vor 160 Jahren.

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