Spandau Eins-Neun-Fünf-Sieben

Dreiundsechzig Fotografien aus Spandau, aufgenommen zwischen März und Mai 1957. Jenes Jahr ist ein besonderes für den Ort am Zusammenfluss von Havel und Spree. Bereits 1232 wird durch eine Urkunde bestätigt, dass Spandau das Stadtrecht innehat. 1957 jährt sich dies nun zum 725. Mal. Ein außergewöhnliches Jubiläum, das zelebriert werden muss. Aber nicht nur deswegen ist es eine bemerkenswerte Zeit für die Spandauer.

1957 wohnen wieder mehr als 160.000 Menschen in diesem Bezirk, fast so viele wie vor dem verheerenden Krieg. Auch wenn noch immer die ein oder andere ausgebrannte Ruine am Straßenrand auftaucht und vielen Gebäuden das „Provisorische“ anzusehen ist: die schwersten Kriegsschäden in der Alt- und Neustadt sind beseitigt. Die Versorgung der Menschen ist gesichert und das nicht nur mit dem Lebensnotwendigsten. Zahlreiche Geschäfte rund um die Carl-Schurz-Straße und die Breite Straße bieten alle Waren des täglichen Bedarfs und so manches Luxusgut feil. VW-Käfer und Opel-Kapitäne ziehen ihre Kreise über die Kopfsteinpflaster. Überall trifft man auf gerade fertiggestellte Neubauten – oder auf Baustellen. Die frisch errichteten Gebäude mögen zwar mitunter von bescheidener ästhetischer Qualität sein. Schnell gebaut füllen sie die Lücken zwischen den Fachwerkhäusern in der von alliierten Bomben besonders gezeichneten Altstadt. Vor allem aber lindern diese Häuser – einzeln oder in größeren Gebäudeensembles wie an der Seegefelder Straße zusammengefasst – die akute Wohnungsnot der Nachkriegsjahre. Die luftigen und hellen Wohnungen in diesen modernen Siedlungen sind damals heiß begehrt – bieten sie doch in der Regel einen viel höheren Wohnkomfort als die Wohnungen in den Vorkriegshäusern mit Kohleheizung, Berliner Zimmer und Klo auf der halben Treppe.

1957 hat die radikale Sanierung der Altstadt, der noch so manches architektonisch wertvolles Gebäude zum Opfer fallen sollte, gerade erst begonnen. Der Rathausturm ist noch ohne seine Haube (bzw. erhält sie gerade), gleiches gilt für den Turm der mittelalterlichen St.-Nikolai-Kirche, die auch fast zwölf Jahre nach den verheerenden Bombardements noch immer restauriert wird.

An die britischen Soldaten in den Kasernen an der Moritz- und an der Wilhelmstraße hat man sich inzwischen gewöhnt, aus den Besatzungstruppen sind spätestens seit der Berlin-Blockade Verbündete und Freunde geworden. Noch nicht gewöhnt haben die Menschen sich daran, das Spandau, vormals geographisches und wirtschaftliches Zentrum des Havellandes, zur Peripherie geworden ist. Seines natürlichen Hinterlandes beraubt, liegt es nun in Westberliner Randlage. Zwar zementiert noch keine Berliner Mauer die physische Trennung unverrückbar in den märkischen Sand, fahren die S-Bahn-Züge noch nach Falkensee. Doch faktisch kommt man nicht mehr so ohne weiteres raus ins eigene Umland. Nichts macht dies deutlicher als ein eindringlicher Apell am Bahnhof Spandau-West, der letzten Haltestelle der S-Bahn auf Westberliner Gebiet: „Achtung! S-Bahn-Reisende. Warnt vor Eurem Aussteigen Mitreisende (insbesondere Schlafende) da bei Weiterfahrt in Richtung Falkensee (Ostzone) Freiheitsentzug droht.“

Dokumentierte Augenblicke
All dies findet sich wieder in den dreiundsechzig Bildern. Neben dem städtebaulichen Zeugnis sind es vor allem die abgelichteten Details, die Kleinigkeiten und Alltäglichkeiten aus dem Leben der Spandauer in jenem Jahr, die mich an diesen Fotos so faszinieren: sei es die Tram, die über den heute zur stillen Fußgängerzone mutierten Marktplatz rauscht, die Binnenschifferfrau, die auf dem Vorschiff Wäsche aufhängt, der Büssing-Doppeldeckerbus, der seine Fahrgäste ausspuckt, die Sissi-Plakate an einer Litfaßsäule oder kickende Jungs vor dem Amtsgericht. Und nicht zuletzt der große Umzug zum Stadtjubiläum. Momentaufnahmen. Dokumentiert in dreiundsechzig historischen Fotografien, aufgenommen von März bis Mai 1957 in Spandau.

Fotogalerie „Spandau 1957“ – Alle Bilder © HistorImages / Fotoarchiv Sven Hoch. – Zum Start auf ein Bild klicken!

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