Der Kiez zu Potsdam

Der Landtag hinter der Pikobello-Stadtschlossfassade, die retrobarocke Austtaffierung des Alten Markts, die Eröffnung des Palais Barberini, die emotionale Diskussion um die Wiederauferstehung der Garnisonskirche – bei der Hype um das mitunter schon disneylike anmutende Revival des Potsdamer Stadtkerns geraten so manche andere stadtgeschichtliche und/oder architektonische interessante Bereiche der brandenburgischen Landeshauptstadt aus dem Blickfeld. Zuweilen ist das schade! Denn darunter befindet sich so manch tolles Original. Der Fischerkiez ganz im Südwesten der barocken Potsdamer Altstadt ist zum Beispiel so ein Kleinod.

Drei Jahrtausende Siedlungsgeschichte

Das fast dreieckige Areal zwischen Neustädter Havelbucht, Havel, Dortustraße und Breiter Straße gehört zu den ältesten Siedlungsgebieten innerhalb der heutigen Potsdamer Stadtgrenzen. Schon in der Bronzezeit vor mehr als 3.000 Jahren leben hier Menschen. Im Mittelalter fischen hier die slawischen Heveller. Deren kleine Ansiedlung wird 1349 in einer echten Urkunde des falschen Markgrafen Waldemar als „Kytz zu Postamp“ bezeichnet. Sie vererben ihre Fischerstellen weiter, so dass über Generationen nur etwa zwei Dutzend Familien den Weiler bevölkern. Der Fischerkiez war eine selbstständige Gemeinde mit eigenem Dorfschulzen.

Der rote Kreis markiert die Lage des Fischerkiezes auf diesem Potsdamer Stadtplan von 1905. Das Quartier besteht aus der „Kiezstraße“ und der direkt an der Neustädter Bucht gelegenen Straße „Wall am Kiez“. Bildquelle: Wikipedia

Potsdamerisch auf königliche Order

Erst Friedrich Wilhelm I. änderte das. Der Soldatenkönig benötigt dringend Quartiere für die fortan in Potsdam stationierten Garden. Zwangsweise müssen die Potsdamer Bürger die langen Kerls auch in ihren eigenen vier Wänden unterbringen. Dennoch reicht der Platz für die preußischen Heerscharen nicht. Flugs dehnt der Soldatenkönig gleich mehrfach die Potsdamer Stadtgrenzen aus, startet ein umfangreiches Bauprogramm, holt Neubürger aus beinahe aller (benachbarten) Herren Länder in die Stadt.

Behausungen in Reih und Glied

Gleich im Zuge der ersten größeren Stadterweiterung wird 1721 der Fischerkiez Potsdam zugeschlagen. Erstmals erschließt mit der „Neustädtischen Langen Gasse“ eine befestigte Straße den neuen Stadtteil. An dieser später in Kiezstraße umbenannten breiten Straße lässt der oberste Preuße doppelstöckige Wohnhäuser errichten. Die penibel an der Straßenflucht ausgerichteten Gebäude ersetzen die bisher wild verstreuten strohgedeckten Fischerkaten. Die neuen Häuser verfügen natürlich über Extrastuben zur Einquartierung von Soldaten. Das karge Äußere dieser Zweckbauten mit ihren glatten, kaum akzentuierten Fassaden entspricht dem auf Disziplin und Sparsamkeit getrimmten Naturell des Regenten.

Der Potsdamer Fischerkiez besteht aus einem einzigen Straßenzug: der Kiezstrasse. Foto: Sven Hoch

Des großen Friedrichs Stadtverschönerungsmission

Jahre später ist seinem feinsinnigen Sohn und Nachfolger Friedrich II. diese spartanische Architektur ein Dorn im Auge. Der von der Nachwelt mit dem Beinamen „der Große“ bedachte Preußenspross gilt ganz anders als sein puristisch-calvinistischen Erzeuger als passionierter Liebhaber der schönen Künste. Friedrichs erklärtes Ziel: das „elende Nest Potsdam“ in eine in jeder Hinsicht vorzeigbare Residenz verwandeln. Das durch seinen strengen Vater geprägte militärisch-funktionale Ambiente des preußischen Garnisonsstandorts soll seiner Vision von einer idealen Königsstadt weichen. Vorbildern aus dem italienischen und französischen Barock verleihen der friderizianischen Fantasie Flügel.

Als absolutistischer Herrscher kann der Monarch sein Stadtverschönerungsprogramm weitgehend nach Gutdünken durchziehen. Sanssouci und das Neue Palais entstehen, der Alte Markt mutiert zur Piazza, an wichtigen Plätzen und Boulevards schießen opulente Bürgerpalais aus dem Boden und peppen das Straßenbild auf.

Ein Kiez nach des Alten Fritzens Gusto

Auch vor einfacheren Quartieren macht Friedrichs (Um-)Gestaltungsdrang kein Halt. Der Fischerkiez steht dabei recht weit oben auf seiner To-Do-List, beschämt der unansehnliche Straßenzug doch bei jeder Tour zwischen Stadtschloss und Sanssouci die königlichen Sinne.

Peu à peu lässt Friedrich II. ab ca. 1775 die unter der Rigide seines Vaters in der Kiezstraße errichteten Gebäude durch standardisierte Typenhäuser ersetzen. Die kostengünstigen Neubauten variieren etwas in der Grundfläche uns sind alle zweigeschossig ausgelegt -zuzüglich Dach- bzw. Giebelstuben für die obligatorische Einquartierung von Soldaten natürlich.

Die Fassaden der 1782/83 erbauten Häuser Kiezstrasse Nr. 11 und 12 sind nach Plänen von Johann Rudolf Heinrich Richter gestaltet. Foto: Sven Hoch

Friderizianischer Barock im Fischerkiez

Für den schönen Schein öffnet der Alte Fritz dann bereitwillig seine Schatulle. Die Verblendung der neuen Häuser mit attraktiven Fassaden überträgt er Georg Christian Unger (1743 – 1799), einem seiner bevorzugten Baumeister. Der kennt die königlichen Vorlieben aus dem Effeff. Direkt aus Ungers Feder stammen die Fronten der ersten neuen Häuser am nördlichen Ende des Kiezes nahe der Einmündung in die Breite Straße. Die Schauseiten der meisten anderen Gebäude entlang der Kiezstraße entwirft Johann Rudolf Heinrich Richter (1748-1810). Der aus dem Oberfränkischen stammende Architekt arbeitet ab 1779 unter Ungers Leitung im Potsdamer „Königlichen Bau-Comptoir“.

Bei bedienen sich aus dem umfangreichen Repertoire der spätbarocken Formensprache, die sie zurückhaltend aber dennoch abwechslungsreich einsetzen. Sie geben der Kiezstraße ein neues ansehnliches, vielseitiges, harmonisches, bürgerliches, städtisches Gesicht, das sich lange kaum verändert.

Anfang der 1840er macht Preußens Gartenkunstikone Peter Joseph Lenné (1789 -1866) den Mittelstreifen mit einer Doppelreihe Kastanien zur Spaziermeile. Nahezu zeitgleich fügt der Schinkel-Schüler Ludwig Persus (1803 – 1845) mit dem neuen Logenhaus für die Minerva-Loge mittenmang im Kiez noch ein paar klassizistische Akzente hinzu.

Blick durch die Kiezstrasse in nordwestlicher Richtung. Die Lennésche Rosskastanien-Doppelreihe von 1843 wurden in den 1930er Jahren erneuert. Foto: Sven Hoch

Weder Ochs noch Esel ruinieren den Kiez

Der 2. Weltkrieg hinterlässt mit mehreren zerstörten Unger-Bauten im Norden der Straße (u.a. Hausnummern 1 – 3) ein paar dauerhafte Narben. Die älteste Kneipe Potsdams, der legendäre „Froschkasten“ in der benachbarten Hausnummer Nr. 4, überlebt.

Die Lücken erweitern die Oberen des ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden noch Anfang der 1980er durch den Abriss weiterer denkmalgeschützter Barockbauten an der Neustädter Bucht, um in absolutistisch anmutender Manier ihre Vorstellung von sozialistischem Wohnungsbau zu manifestieren. Die Baubrigaden pflanzen ein Quartett siebzehnstöckiger Wohnblocks, die heute die Kiezstraße überragen und die Neustädter Bucht dominieren. Obwohl ästhetisch wirklich schwer verdaubare Brocken, intonieren die DDR-Bauten unter historischen und weltanschaulichen Gesichtspunkten gleichwohl einen nicht uninteressanten Kontrapunkt zur erhaltenen friderizianischen Architektur.

Vom preußischen Baumeister Georg Christian Unger (1743-1799) entworfenes barockes Bürgerhaus (Baujahr 1777) vor saniertem sozialistischem Wohnblock am nördlichen Ende der Kiezstraße. Foto: Sven Hoch

Beim Ausbau der Breiten Straße zur sozialistischen Magistrale kappen dieselben Herrschaften übrigens auch noch die Verbindung zur Kiezstraße, aus jetziger Perspektive sicherlich nicht zum Nachteil für den Fischerkiez. Der kann so neben seinem weitgehend intakten friderizianischen Antlitz auch sein beschauliches Wesen bis heute ganz gut bewahren.

So erzählen die alten Gemäuer noch immer so manch andere bemerkenswerte Anekdote aus Potsdams Vergangenheit. Wie zum Beispiel die Geschichte vom Froschkasten, aber die ist einen eigenen Post wert. Für mich jedenfalls gehört dieses kleine Quartier noch immer zu den bemerkenswertesten und authentischsten Stadtteilen Potsdams.

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