Endells entwürdigtes Erbe

Der Philosoph August Endell war fasziniert von einer neuen Formensprache und wurde zu einem der bedeutendsten Desigener und Architekten des Jugendstils.

Der Philosoph August Endell war fasziniert von einer neuen Formensprache und wurde zu einem der bedeutendsten Designer und Architekten der Jugendstil-Epoche.
Foto: Wikipedia

Im Grundgesetz (Artikel 14) steht unmissverständlich: „Eigentum verpflichtet“. Dieser Rechtsgrunsatz gilt in besonderem Maße für Eigentümer von Baudenkmälern, die mit dem Erhalt und der Pflege ihrer Immobilien das architektonische Vermächtnis vergangener Generationen für die Allgemeinheit bewahren sollen. Die derzeitigen Besitzer des Hauses „Uhlandstraße Nr. 197 / Steinplatz 4“ aber scheint dies wenig zu kümmern. Anders lässt sich der zunehmend besorgniserregende Zustand nicht erklären, in dem sich das seit 2006 leer stehende Gebäude mittlerweile befindet.

Eine Jugendstil-Ikone
Dabei handelt es sich nicht um irgendein Bauwerk. 1906/1907 wurde es nach den Entwürfen August Endells als vornehmes Wohnhaus direkt am noblen Charlottenburger Steinplatz errichtet. Endell ist nicht irgendwer. Der gebürtige Berliner, der sich selbst wegen seiner vielfältigen Tätigkeiten als Designer, Lehrer und Schriftsteller lieber als „Formkünstler“ denn als Architekt bezeichnete, gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des Jugendstils. Seine expressionistischen frühen Bauten wie das Münchener Fotostudio Elvira oder das Berliner Wolzogen-Theater setzten erstmalig Bauprinzipien um, die sich einzig aus dem fantasiereichen, lustvollen Spiel abstrakter Formen ergaben und nicht wie bis allein lokalen oder nationalen Traditionen entstammten. So ist es kein Wunder, dass sich kaum eine Abhandlung zu dieser Kunstepoche finden, die Endells Konventionen brechende Werke nicht entsprechend würdigt.

Oft vergessen wird jedoch, dass Endell auch innerhalb der Evolution der modernen Architektur eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte. Sein Beitrag hierzu wird unter Experten mitunter sogar als noch wesentlicher eingeschätzt als für den Jugendstil – so auch vom prominenten britischen Kunst- und Architekturhistoriker Niklaus Pevsner. Der bezieht sich bei seiner Einschätzung auf die zwischen 1905 und 1914 von Endell gefertigten Entwürfe für Berliner Stadtvillen und Miethäuser, die sich durch eine damals geradezu revolutionäre funktionale Sachlichkeit auszeichnen – ohne auf eine feine Gestaltung der Fassaden zu verzichten. Wenige sorgfältig platzierte, streng geometrische Stuckornamente im Zusammenspiel mit einzelnen Erkern und variierenden Fensterformen verleihen diesen Bauten eine ausgewogene, gleichwohl jedoch höchst spannungs- und charaktervolle Struktur.

August Endells Haus am Steinplatz, Aufnahme aus dem Frühjahr 2007

Im August 2008 steht das 'August-Endells-Haus' am Charlottenburger Steinplatz bereits seit mehr als einem Jahr leer. Vor dem Haus steht ein Bauwagen, doch es tut sich nichts.- Zum Vergrößern bitte anklicken!
Foto: Matti Blume

Mein heruntergekommenes Nachbarhaus gilt als Meisterwerk aus dieser Schaffensperiode Endells. Nicht nur der Maler und Künstler Ernst Heinrichs schwärmte von dem „einzigartig durchgebildeten Baukörper“, lobt „die neue Auffassung vom Stockwerkbau“, die der Architekt mit diesem Bauwerk realisierte. Auch die Kuratoren des Museums of Modern Art preisen die schlüssige, zusammenhängende Gestaltung der Fassade, in der sich üppige Ornamentik nur an den beiden Eingangsportalen (Uhlandstr. 197 und Steinplatz 4) findet. Für die New Yorker zählt das Haus am Steinplatz zu den wegweisenden Arbeiten in der Geschichte des Berliner Wohnungsbaus.

Steine die Geschichten erzählen
Aber es ist nicht allein die elegante Architektur, die dieses Gebäude zu einem wertvollen Denkmal macht. Es ist auch seine bewegte „Lebensgeschichte“. Typisch für Berlin ist sie voller Höhen und Tiefen, fundamentaler Brüche und Neuanfänge. Wie bereits erwähnt wurde das Haus ursprünglich als Mietshaus entworfen – mit luxuriösen 10-Zimmer-Etagen-Wohnungen in bester Charlottenburger Lage. 1916 aber erwarb der Berliner Bankier Max Zellermeyer das Gebäude und ließ es zum Hotel umbauen. Bald schon gehörte seine „Pension am Steinplatz“ zu den ersten Adressen der Hauptstadt und brauchte den Vergleich mit dem viel größeren Adlon kaum zu scheuen.

Die "Pension am Steinplatz" - Aufnahme aus den späten 1920ern.

Erstklassiger Service in familiärer Atmosphäre: die Pension am Steinplatz gehörte in den goldenen Zwanzigern zu den besten Hotels Berlins. - Zum Vergrößern bitte anklicken! Foto: Archiv Wohnmal.info

Polnische Gräfinnen, emigrierte russische Aristokraten, japanische Dichter – die Welt war zu Gast am Steinplatz. Vor allem bei Künstlern und Gelehrten genoss das Haus einen exzellenten Ruf. So spielte beispielsweise der jugendliche Violinenvirtuose Yehudi Menuhin zwischen Konzerten und Proben mit den Berliner Philharmonikern mit Zellermeyers Tochter Ilse in den Hotelfluren Pingpong. Hier vollendete der etwas durchgeknallte Schriftsteller und „revolutionäre Pazifist“ Ernst Toller sein Drama „Hoppla, wir leben!“. Und selbst Schwedens später umstrittene Filmdiva Zarah Leander nächtigte zu Beginn ihrer Ufa-Karriere eine Zeit lang in der „Pension am Steinplatz“.

Die Nazis setzten dem erfolgreichen Hotelbetrieb ein brüskes Ende. Schon 1933 trieb die Gestapo Max Zellermayer, der eine jüdische Mutter hatte, in den Tod. Sieben Jahre später beschlagnahmten die Hitlers Schergen das Hotel endgültig. Als Nazi-Admiral Karl Dönitz dort im März 1943 sein Hauptquartier einrichtete, stand das Haus plötzlich mitten im Zentrum des Kriegsgeschehens. Neun Monate lang schickte der Befehlshaber der U-Boote (BdU) vom Steinplatz aus seine grauen Wölfe gegen „Engeland“. Als der alliierte Bombenhagel zunahm, floh der „tapfere“ Dönitz mit seinem Stab nach Bernau. Endells Meisterwerk dagegen konnte nicht entkommen und wurde durch Fliegerangriffe stark beschädigt.

Stark beschädigt sind mittlerweile die goldenen Stuckornamente, die das Haupteingangsportal (Uhlandstraße 197) umrahmen.

Stark beschädigt sind mittlerweile die goldenen Stuckornamente, die das Haupteingangsportal (Uhlandstraße 197) umrahmen. - Zum Vergrößern bitte anklicken! Foto: Sven Hoch

Nachdem dem Krieg bauten die Zellermayer-Geschwister Heinz, Ilse und Achim das Hotel mit viel Improvisationskunst wieder auf. Aber erst in den 1950er und 1960er Jahren knüpfte der nun als „Hotel am Steinplatz“ geführte Betrieb wieder an die glamourösen Zeiten der goldenen Zwanziger an. Illustre Gäste aus aller Welt brachten da das Leben zurück an den Steinplatz. Das lag auch an der „Vollen Pulle“ im Erdgeschoss. Die in den Räumen der alten, am Nebeneingang (Steinplatz 4) gelegenen Zellermayer-Wohnung eröffnete Bar machte nicht nur ihrem Namen alle Ehre, sondern wurde rasch zu einer echten Institution. Wer damals in West-Berlin dazu gehören wollte, ließ sich abends hier sehen: ob Artur Brauner, Paul Celan, Harald Juhnke, Günther Grass, Erich Maria Remarque, Wieland Wagner, Zubin Mehta, Romy Schneider mit Mutter oder auch Rolf Eden – sie alle waren Stammgäste in der legendären „Vollen Pulle“.

Mit der Eröffnung des neuen Hiltons an der Budapester Straße und der Errichtung weiterer Luxushotels ähnlichen Formats begann der wirtschaftliche Niedergang des „Hotels am Steinplatz“. Gegen die modernen Hotelkomplexe konnten sich die Zellermayers letztlich nicht behaupten, in den 1970er musste man die Pforten an Steinplatz und Uhlandstraße endgültig schließen. Das Haus wurde verpachtet, ein Seniorenheim zog ein.

Große Teile der den Vorgarten umgebenden Mauer sind mittlerweile zerstört.

Große Teile der den Vorgarten umgebenden Mauer sind mittlerweile zerstört, ein Magnet für Müll und Unrat. Aufnahme vom August 2010. - Zum Vergrößern bitte anklicken!
Foto: Sven Hoch

In den achtziger Jahren endlich erfuhr das Gebäude eine sorgfältige, umfassende (Denkmal)-Pflege: die zarten aber ausdrucksstarken Stuckornamente in der Fassade wurden ergänzt und restauriert, der Putz erhielt jenen sanften olivgrünen Anstrich, der Endells ursprünglicher Farbgebung sehr nahe kommen soll. Die alten Menschen verbrachten ihren Lebensabend nun in einem architektonischen Schmuckstück, das Reiseführer gern als elegantestes Jugendstilgebäude Berlins beschrieben.

Verkauf und Verfall
2006 dann eine harte Zäsur. In jenem Jahr kaufte die Hotelgruppe des israelischen Unternehmers David Fattal das Gebäude. Die erwarb damals viele Objekte in Deutschland. Man sei aber kein Spekulant, betonte man. Für 15 Millionen Euro – so der Newsletter der israelischen Botschaft vom 22.06.2006 – wolle Fattal das einstige Hotel am Steinplatz wieder zum Fünf-Sterne-Haus machen. Die Senioren mussten das Haus noch im gleichen Jahr räumen, kurz darauf begannen Entkernungsarbeiten. Die gerieten bald ins Stocken. Dann passierte lange Zeit gar nichts mehr. Erst im letzten Jahr zog man ein Gerüst an der Außenfassade hoch – doch außer den Gerüstarbeitern habe ich dort noch nie jemanden gesehen. Ein Alibi-Gerüst, um Sanierungsarbeiten vorzutäuschen? Oder um die fortschreitenden Schäden an der Fassade zu verbergen?

Einer der mittlerweile zahlreichen Fassadenschaden am Endell-Haus.

Einer der mittlerweile zahlreichen Fassadenschäden am Endell-Haus. Zum Vergrößern bitte anklicken!
Foto: Sven Hoch

Mittlerweile verfällt nicht nur das Haus sondern auch das umgebende Gerüst. Fatal das mit Fattal. Hat die Hotelkette das Interesse an einer Wiedergeburt des Hotels am Steinplatz verloren? Vielleicht, weil sie bereits bereits über mehrere Hotels in Berlin verfügt, u.a. auch das um die Ecke liegende „Hotel Excelsior“ (mit)-betreibt? Rechnet sich der Umbau nicht mehr, fehlt das Geld? Oder was hat die Fatall-Gruppe – mit der auch jene ominöse „Erste Uhlandstr. 197 GmbH“ verbunden ist, die in Internet-Firmenverzeichnissen mal als Grundstücks- und Gebäudeverwalter, mal als Finanzdienstleister geführt wird – mit dem Haus vor?

Wie viel oder besser wie wenig Wertschätzung die heutigen Eigentümer – wer auch immer das sein mag – der außergewöhnlichen Architektur und Geschichte dieses Hauses entgegenbringen, läßt sich jedenfalls an dem fast täglich zunehmenden Schädigungsgrad des ornamentgesäumten Eingangsportals oder der mittlerweile in weiten Teilen zerstörten Vorgartenmauer ziemlich genau ablesen. Auch zerstörte Dachfenster, bröckelnder Putz und die zerschlagenen Stuckornamente geben sicheren Aufschluss über den entwürdigenden Umgang mit dem Erbe Endells.

Seit Monaten ist das Endell-Haus am Steinplatz eingerüstet - doch bisher sah man hier noch keinen Bauarbeiter.

Seit Monaten ist das Endell-Haus am Steinplatz eingerüstet - doch bisher sah man hier noch keinen Bauarbeiter.
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Foto: Sven Hoch

Erhaltet Endells Erbe!
Von dessen Bauwerken sind eh kaum noch welche erhalten – zerstört von fanatischen Nazis (Fotostudio Elvira), dem Krieg (z.B. Wolzogen-Theater) oder der immer wieder mortalen Kombination aus allgemeinem Desinteresse, behördlicher Ignoranz und rücksichtlos durchgesetzten Interessen einzelner Unternehmen (Gmelin-Sanatorium in Wyk auf Föhr). Umso wichtiger ist es, die wenigen noch vorhandenen Arbeiten August Endells zu würdigen und zu schützen. Was die Frage aufkommen lässt: Was unternimmt eigentlich die zuständige Denkmalschutzbehörde? Der Erhalt eines solch herausragenden Baudenkmals müsste doch oberste Priorität haben. Warum geschieht dann nichts? Vogelstrauß-Verhalten – Kopf in den Sand, nichts sehen, nichts hören, nichts riechen, nichts wissen, nichts entscheiden?

Fast könnte man einen solchen Eindruck bekommen. Ich kann mir jedenfalls kaum vorstellen, dass ein verantwortlicher Mitarbeiter der für Denkmalschutz zuständigen Fachabteilung im Stadplanungs- und Vermessungsamt des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf in den letzten Jahren einen Blick auf das Haus „Uhlandstraße 197 / Steinplatz 4“ geworfen hat. Wie sonst ist es denn zu erklären, dass in der erst am 01.09.2010 veröffentlichten Denkmalliste Berlin zu dem darin unter der Nummer 09096445 aufgeführten ehemaligen Hotel am Steinplatz notiert ist: „Mietshaus, später Hotel. Heute Seniorenheim“? Seniorenheim? Das gibt es schon seit vier Jahren nicht mehr, meine Damen und Herren vom Denkmalschutz. Damals ausgezogen aus einem intakten Gebäude, dass heute auf dem besten Wege ist, zu einer Ruine zu mutieren.

Ohne Frage muss dieses Haus als Zeugnis der außergewöhnlichen Schaffenskraft August Endells und als lebendiger Teil der Berliner Stadtgeschichte erhalten werden. Möglicherweise Ignoranz und Egomanie in so einem Fall den Vortritt lassen geht gar nicht. Jetzt geht es um zügiges, entschlossenes und verantwortungsvolles Handeln. Das gilt für die zuständigen Behörden, vor allem aber für die Eigentümer des Hauses. Die sind nun in der Pflicht. Nicht nur gesetzlich, sondern auch moralisch. Bleibt nur zu hoffen, dass man noch weiss, was letzteres bedeutet!

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„Spuren eines Architektosophen“ – Berliner Spuren des Jugendstil-Architekten und Formkünstlers August Endell

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